Das ist ja ein Thing!

Die Megalithen von Stonehenge sind berühmt und bestimmt in ihrer Art einzigartig. Aber auch hierzulande haben die alten Germanen spannende ‚Bauwerke’ hinterlassen. Ein bemerkenswertes Beispiel ist der Thing-Platz in Gulde, Gemeinde Stoltebüll in Schleswig-Holstein. Hier hat die Gemeinde historische Funde aus ihrem Bezirk an einem Platz zusammengetragen und einen Thing-Platz nach historischem Vorbild rekonstruiert.

„In unserer Gemeinde hat sich insbesondere die Familie Thiesen für den Aufbau des Thing-Platzes engagiert“, erzählt Stoltebülls Bürgermeister Hans-Jürgen Schwager. „Susanne und Johannes Thiesen haben sehr viele Informationen zusammentragen, die ausführlich im Internet zu finden sind. Außerdem hat er Verse und Gedichte zu unserem Thing geschrieben. Unterstützt werden die beiden von ihrem Sohn Sönke. Und Familie Thiesen bietet auch Führungen an.“

Der Bürgermeister von Stoltebüll
Der Bürgermeister

Doch  was ist überhaupt ein Thing? Es war der Platz, an dem Sippen-Angelegenheiten besprochen, Recht gesprochen und auch zu den Göttern gebetet wurde. Es ist der Ursprung der Demokratie; denn es wurden zwölf Weise aus der Gemeinschaft gewählt, die über das Recht wachten. Sie übten ihr Amt ein Jahr aus. Dann wurde neu gewählt. „Jedes Jahr halten wir hier auf dem Thing-Platz eine öffentliche Gemeinderatssitzung ab“, erklärt Hans-Jürgen Schwager. „Dann versammeln sich die zwölf Gemeinderatsmitglieder hier im Thing um den Steintisch. Das zieht immer auch viele Zuschauer an.“

Steinkreis
Steinring mit Runenstein

Beliebt ist der Thingplatz auch bei Jugendgruppen. Internationale Treffen finden hier statt – man kann aber auch mal ganz locker hier Geburtstag feiern.

Besondere Plätze wurden für das Thing gewählt, doch bestimmte Vorgaben gab es nicht. Der Thingplatz in Gulde ist ein Steinkreis. Die Steine haben alle eine besondere Bedeutung. Der Hauptstein ist der größte Stein im Steinkreis. „Dieser Stein wiegt fast 20 Tonnen“, berichtet Bürgermeister Schwager. „Wir brauchten einen Kran, um ihn hier zu platzieren.“

Thingplatz aus Steinen
Thingplatz aus Steinen

In der Mitte des Steinkreises liegt ein monolithischer Tisch, umgeben von zwölf Sitzsteinen. Weiter sind in den Thing-Kreis vier sogenannte Thing-Stöcke gesetzt, in Gulde besonders große Findlinge, zwischen denen kleine Steine den Kreis schließen. Gegenüber dem Hauptstein ist eine Öffnung gelassen. In einem Abstand vom Kreis von wenigen Metern wird diese Öffnung von zwei Torsteinen flankiert. Hierdurch traten die Thing-Mitglieder in den Kreis. Straftäter wurden vor den Rat gebracht. Im Kreis befindet sich ein kleinerer Stein, an den der Delinquent angekettet wurde.

Stein mit Kette
Hier wurden Gefangene angekettet

Der Thing-Platz von Gulde ist umgeben von weiteren Attraktionen, die das Leben unserer Vorfahren veranschaulichen. Angelegt ist der Platz beim ‚Heiligen Hain vom Arltberg’. Heilige Haine waren Orte, an denen sich die Menschen gerne niederließen. Sie wurden danach ausgewählt, wo das Wild lagerte, die instinktiv Schutz und Wasser fanden. Auf dem Arltberg wurden die Umrisse eine Jütendorfes nachempfunden, dessen Überreste hier gefunden wurden. Die Jüten kamen aus dem Norden und ließen sich hier um 600 nach Christus nieder. Die Pforte zeigt den Eingang zum Wohnbereich. Hinter Palisaden stellten die Jüten ihre Zelte auf. Etwa zwanzig Steinkreise, die den Bodenbelag der Jütenzelte bildeten, wurden hinter dem Thingplatz in den 1970er Jahren entdeckt.

Der Bürgermeister tagt hier gelegentlich auch mit dem Gemeinderat

Unmittelbar hinter dem rekonstruierten Thingplatz wurde in den 1980er Jahren ein Urnenfeld freigelegt. Es stammt aus dem 3. Bis 4. Jahrhundert nach Christus. Hier hat die Gemeinde aus großen Steinen, die in der Nähe lagen, einen Dolmen errichtet. Das ist ein aus unbehauenen oder behauenen Steinblöcken errichtetes Bauwerk, meistens eine Grabstätte. Die gefunden Steine könnten zum Grab eines Ältesten oder Jarls, eines germanischen Fürsten, gehört haben.

Runen in Stein gemeißelt
Die Runen könnten ‚Vater‘ oder einen Namen bedeuten

 

Auch einen Runensteinplatz haben die Stoltebüller hier rekonstruiert. Der Runenstein wurde 600 Meter vom Thing-Platz entfernt in den 1820er Jahren gefunden. Allerdings ging er später verloren. Doch aufgrund von  Aufzeichnungen konnte er genau rekonstruiert werden. Er markierte eine Grabanlage, die aus der Zeit um 800 nach Christus stammte. Die Inschrift könnte entweder einen Personennamen oder auch das Wort ‚Vater’ bedeuten.

Einen Besuch ist der Thing-Platz von Gulde auf jeden Fall wert. Hier kann man einen Blick in die Kultur der Germanen werfen, weil die Römer bis hierhin nicht vorgedrungen sind.

Ruth Hoffmann (Text)

repor-tal (© Photos)

Informationen: www.guly-thing.de; www.thingplatz-gulde.de

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