Voll Mut nach vorne!

Schon wieder eine Familiengeschichte aus dem ‚Arbeiter- und Bauernstaat‘ – doch dann das, ein spannender Roman über ein Leben in der DDR, das sich durch nichts unterkriegen ließ und immer einen neuen Weg fand, ohne sich zu verbiegen. Matthias Lisses Familiengeschichte fesselt durch ihren Mut und gibt Hoffnung.

Zugegeben, ich habe schon etwas überlegt, ob ich das Buch Die geteilten Jahre von Matthias Lisse lesen sollte. War dies wieder ein Buch über ein ‚Wie war doch damals alles gut und geregelt‘? Dann habe ich angefangen zu lesen – und konnte das Buch kaum aus der Hand legen. Matthias Lisse hat mich in seiner mir scheinend authentischen Sprache mitgenommen in ein Leben, das mir, dem eingefleischten Wessi unbekannt war. Viel haben wir, die wir in der Bundesrepublik Deutschland aufgewachsen sind, gehört von den Repressalien, die ‚Systemkritikern‘ im Nachbarstaat drohten. Klar, Leute wie Wolf Biermann wurden ausgebürgert, wenn sie zu unbequem wurden. Aber wie erging es dem normalen Bürger? Was durfte er wem sagen? Wem vertrauen? Dieses uns unbekannte Leben hat Matthias Lisse in seinem Roman deutlich gemacht. – 

Nächste Frage, warum denn eigentlich Roman, es ist doch eher eine Familien-Biographie. Doch Lisse geht geschickt vor, Erzählungen über sich und seine Familie hat er durch kleine kurze Kapitel unterbrochen, die sich mit der Staatsführung der DDR befassen. Die Personen sind authentisch, die Gedanken und Aussagen natürlich fiktiv. Aber wenn man sie liest, kann man sich vorstellen, dass der Genosse Staatsratsvorsitzender genau so gedacht haben muss – inklusive seiner Bedenken gegenüber seiner gestrengen Margot. Köstlich!

Matthias Lisse

Matthias Lisse hat mit Die geteilten Jahre einen Roman geschrieben, der kaum näher an das Geschehen im damaligen Arbeiter- und Bauernstaat heranreichen kann. Und trotz des Pechs, dass die Lisses verfolgte, sieht man den Autor sein Leben meistern und niemals den Mut verlieren. Schon seine Eltern hatten mit ihm die Flucht um einen Tag vor dem Mauerbau verpasst. Er selbst erlitt einen schweren Sportunfall als Kind. Und obwohl weder seine Eltern noch er selbst jemals in die SED eingetreten sind,wurde er Leiter des bedeutendsten Gestüts der DDR.

Auch als er ein gutes Jahr vor der Grenzöffnung sich in den Westen absetzen kann, verliert er nie den Mut, stürzt sich in Abenteuer, um seine kleine Familie hinter dem ‚Eisernen Vorhang‘ hervorzuholen und baut sich und ihnen eine neue Existenz auf.

Dies ist ein Buch nicht nur für ‚Wessis‘ wie mich, denen das ’normale‘ Leben in der DDR zwar immer fremd bleiben wird so wie das Leben im Dritten Reich, aber die so ihre deutschen Nachbarn besser kennenlernen und verstehen lernen können. Aber es ist auch ein Buch für all diejenigen, die wie Lisse in der DDR leben mussten und ihr Leben nach der Wiedervereinigung nicht so meisterten und dem Verflossenen hinterherjammern, diejenigen ‚Ossis‘ die bei den ‚Wessis‘ auf Unverständnis stoßen. Wie sagt Matthias Lisse in seiner Widmung: „Für all diejenigen, die das Schicksal der DDR mit ihren Füßen besiegelt haben.“ Hübsch zweideutig, wenn Sie mich fragen.

Matthias Lisse hat heute übrigens einen schönen Reiterhof in Bayern und schreibt seit drei Jahren einen historischen Roman nach dem anderen unter dem Pseudonym Mac P. Lorne.

Text: Ruth Hoffmann

Cover und Photo mit freundlicher Genehmigung vom Droemer Verlag

Informationen: www.droemer-knaur.de, www.lisse-reitsport.de, www.macplorne.com

Matthias Lisse: Die geteilten Jahre
Droemer, 464 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
Preis 19,99 Euro (D), 20,60 Euro (A)
ISBN 978-3-426-28201-4
Auch als E-Book erhältlich: ISBN 978-3-426-45304-9

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