Swift-Tuttle und seine Schnuppen

Die moderne Technik hat unser Empfinden für die Naturerscheinungen grundlegend verändert. Eine der drastischsten Veränderungen ist uns vielleicht gar nicht bewusst: der Verlust der Dunkelheit. Noch während der frühen Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts war es nachts in der Regel ziemlich finster. Nicht dass diese Entwicklung grundsätzlich zu bedauern wäre – aber viele außergewöhnliche Himmelserscheinungen nehmen wir deshalb kaum noch wahr.

Eise Eisinga, ein Aufklärer seiner Epoche

In früheren Jahrhunderten hielt man alle ungewöhnlichen Himmelserscheinungen für Zeichen der Götter – oder für Vorzeichen einer Katastrophe. Noch im 18. Jahrhundert baute der friesischen Amateur-Astronom Eise Eisinga ein mechanisches Planetarium, um damit zu demonstrieren, dass die Bewegungen der Himmelskörper wie ein Uhrwerk ablaufen und keiner Angst davor haben muss.

Etwas so Spektakuläres wie eine Sonnenfinsternis würde natürlich jeder mitkriegen. Aber diese Erscheinung hat es an sich, ziemlich selten vorzukommen – jedenfalls wenn man die Zahl jeweils auf einen geographischen Ort bezieht. Denn eine Sonnenfinsternis erscheint nur, wenn der Mond sich für den Betrachter auf der Erde vor die Sonne schiebt. Der Schatten der Sonne muss also auf den Beobachter treffen, und dieser Schatten ist nur klein. Im Durchschnitt sieht man an einem bestimmten Ort der Erde nur alle 375 Jahre eine totale Sonnenfinsternis, in Deutschland das nächste Mal am 3. September 2081. Kinder des 21. Jahrhunderts haben also eine Chance, sie zu erleben.

Wenn dagegen der Mond durch den Schatten der Erde wandert, dann sieht man das auf der ganzen Nachtseite der Erde. Die Chance, in Deutschland eine Mondfinsternis zu erleben, ist also bedeutend größer. Die nächste ist schon für den 21. Januar 2019 angesagt.

Himmelsmechanik in barocker Sicht: Detail von Eise Eisingas Planetarium in Franeker, Friesland

Für verliebte Träumer und Romantiker sind diese beiden Himmelserscheinungen natürlich viel zu spektakulär – selbst im Zeitalter der elektrischen Beleuchtung. Für sie gibt es Sternschnuppen! Oft nur für Sekundenbruchteile ziehen sie einen hellen Strich an den Nachthimmel – kaum erspäht, schon vorbei!

Es sind kleine Steine oder Eisbrocken, die in der Lufthülle der Erde verglühen. Seit der Antike nennt man alles, was vom Himmel fällt: ‚Meteore‘. (Daher auch der Name ‚Meteorologie‘ für die Wissenschaft vom Wetter.)

Systematische Beobachter teilen die Meteore in verschiedene Ströme ein, die sich ebenfalls um die Sonne bewegen und deren Bahn die Erde auf ihrer Bahn um die Sonne durchkreuzt. Jeder dieser Meteorströme erscheint deshalb typisch um eine bestimmte Jahreszeit.

Wenn nun die Erde eine solche Wolke von Krümeln durchstößt, stieben diese scheinbar von der Mitte des Himmels nach außen weg wie Schneeflocken vor einer Windschutzscheibe. Die Mitte, aus der die Schnuppen scheinbar kommen, ist also nur ein optischer Effekt. Er hat aber dazu geführt, dass man die Meteorströme nach dem Sternbild im Hintergrund benannt hat, aus dem sie jeweils zu kommen scheinen.

Der größte Strom, die Perseiden, erscheint immer so ungefähr um den 12. August und ist nach dem Sternbild Perseus benannt. Tatsächlich ist Perseus nicht der Ursprung, sondern ein Komet, ein Brocken aus Eis und Staub, der sich auf einer extrem exzentrischen Bahn um die Sonne bewegt. Er ist also sehr lange Zeit sehr weit weg und schießt dann dicht um die Sonne herum, wobei er die Bahn der Erde schneidet. In der Nähe der Sonne tauen Kometen etwas auf und hinterlassen Wolken von Krümeln. Daraus macht die Erde – Sternschnuppen!

Kometen galten früher als bedrohliche Zeichen am Himmel. Heute sind sie meist zu blass, um am elektrisch illuminierten Firmament noch groß aufzufallen. Das Kometen-Huhn, das uns die Perseiden-Eier gelegt hat, heißt ‚Swift-Tuttle‘ nach den beiden Astronomen, die es Anno 1862 das erste Mal identifiziert hatten.

Eisinga nutzte seine Wohnzimmerdecke, um das Sonnensystem abzubilden.

Nach den damaligen Beobachtungen und Berechnungen hätte Swift-Tuttle im Jahr 1982 wieder erscheinen sollen – was er aber nicht tat! Erst 1992 erschien er wieder auf der Bildfläche und erwies sich damit als identisch mit einem Kometen, der schon im Jahr 1737 erstmals aktenkundig geworden war.

Als Boten des Unheils sind Kometen allerdings zu Unrecht verschrien. Obwohl: gerade Swift-Tuttle könnte – trotz seines harmlosen Namens – theoretisch sogar wirklich eines fernen Tages mit der Erde zusammenstoßen. Das nächste Mal kommt er im Jahr 2126 bei uns vorbei. Dann aber in sicherem Abstand von 25 Millionen Kilometern – falls die Astronomen sich nicht wieder verrechnet haben…

Text: Jan-Peder Lödorfer

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