Milonga in der
Mittagspause

Tanzen ist gesund für Geist und Körper, das steht außer Frage. Und der Tango Argentino ist zudem eine besondere Herausforderung an Koordination und Reaktion der Tanzpartner aufeinander. Hier ist kein ‚Durchzählen‘ von Schritten gefragt, sondern das Zusammenspiel des Paares.
Weil sich aber viele nicht mehr zu den oft abendlich-späten Tango-Kursen aufraffen, haben sich Heidi Schumacher und ihr Partner Julián Rojo etwas Besonderes einfallen lassen. Sie geben Unterricht in Betrieben und Behörden in der Mittagspause und nach Feierabend.

Tango-Leidenschaft: Heidi Schumacher und Julián Rojo

fifty2go: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein solches Angebot zu entwickeln?

Heidi Schumacher: Ich vermute, die meisten kennen die Situation – man sitzt den ganzen Tag am Schreibtisch oder in Besprechungen, Stunden im ICE oder im Flugzeug, ab und zu reicht die Zeit mal für einen hastigen und oft ungesunden Imbiss, eine schnelle Zigarette vor der Tür und nicht selten: Rückenschmerzen, Verspannungen, Nervosität. Während meines langen Berufslebens – erst als Fernsehjournalistin, dann als Kulturabteilungsleiterin in einem Kultusministerium – habe ich selbst mehr oder weniger so gelebt. Aber ich hatte eine gute Kompensation, denn ich habe getanzt. Und als ich den Tango Argentino entdeckt und erlernt hatte, gab es keine anderen Tänze mehr für mich. Ich habe dann einen argentinischen Tangolehrer geheiratet und mit ihm gemeinsam zu unterrichten begonnen. Hier in Berlin leben wir seit 2011, und wir mussten uns eine Nische suchen.

fifty2go: Und was genau ist das?

Heidi Schumacher: Es gibt hier in vielen Behörden und Betrieben Gesundheitsbeauftragte, die den jeweiligen Mitarbeitern Angebote machen, Ausgleichsport und Rückengymnastik zu treiben. Auch wir hatten das im Ministerium, aber ich fand das immer etwas langweilig. Nun ist Tango Argentino nachgewiesenermaßen ein hoch effizientes Training sowohl für den Rücken als auch für das Gehirn – es gibt dazu wissenschaftliche Untersuchungen – aber ich finde, Tanzen macht deutlich mehr Spaß als die üblichen Gymnastikübungen. Und es bietet natürlich auch mehr Abwechslung und auch Herausforderungen. Wir haben uns bei zahlreichen Gesundheitstagen mit kostenlosen Schnupperstunden vorgestellt und mit den Interessierten dann Kurse begonnen. Wir sind derzeit bei Senatsbehörden, Bezirksverwaltungen, Gerichten, Finanzämtern und anderen im Einsatz. Die meisten Behörden haben sehr schöne Sporträume, und wir brauchen nicht viel: einen Raum mit glattem Boden und etwa vier Quadratmeter pro Person. Wir bringen die Musik und einen CD-oder MP3-Player mit, und dann kann es schon losgehen.

Heidi Schumacher lebt den Tango.

fifty2go: Was ist denn so besonders am Tango Argentino?

Heidi Schumacher: Ich will versuchen, das kurz zu beschreiben. Anders als bei den meisten bekannten Gesellschaftstänzen gibt es keine festgelegten ‚Figuren‘. Beim Tango Argentino kann bei jedem einzelnen Schritt zwischen verschiedenen Optionen gewählt werden. Das heißt: der Tanz setzt sich aus vielen kleinen Modulen zusammen, und je nach Inspiration der Tanzenden entsteht in freier Improvisation nach festen Regeln ein immer neuer, immer anderer, immer spannender Tanz. Und er wird Schritt für Schritt geführt. Das ist ein permanenter nonverbaler Dialog des tanzenden Paares. Man lernt das Tanzen wie eine neue Sprache – mit ein paar ‚Vokabeln‘ und etwas ‚Grammatik‘, damit man bald eigene ‚Sätze‘ bilden kann. Das bedeutet aber auch, dass das Paar sehr aufmerksam miteinander umgehen muss, damit die Koordination funktioniert. Wenn das gelingt, ist das ein wunderbares Erlebnis, es macht glücklich und manche sogar süchtig.

fifty2go: Sie richten sich ja auch gezielt an die ‚Generation 50 plus‘. Warum?

Tango Argentino ist ein Ganz-körpertraining für jedes Alter.

Heidi Schumacher: Wir erleben immer wieder, dass uns neue Schüler sagen, sie seien jetzt in einem neuen Lebensabschnitt, die Kinder seien aus dem Haus, sie seien beruflich mehr oder weniger ‚angekommen‘ und suchen jetzt nach einer neuen Erfahrung als Paar. Und Tango kann so vieles! Er ist nicht nur gut für Körper und Seele, er bringt auch neue Impulse für die Beziehung eines Paares: da geht es um Respekt, Wertschätzung, Kommunikation, Nähe und Vertrauen. Eine gute Beziehung wird mit dem Tango meist besser, eine weniger gute kann allerdings auch schlechter werden, dann nämlich, wenn ‚Führen‘ und ‚Folgen‘ als Hierarchie oder Dominanz und Unterordnung missverstanden werden. Dann kann es auch knallen.

fifty2go: Aber ist das nicht ein bisschen langweilig, immer nur Tango zu tanzen?

Heidi Schumacher: Nein, denn der Tango hat auch ‚Verwandte‘. Das ist einmal der ‚Vals‘, quasi Tango im Dreivierteltakt, und die ‚Milonga‘, die sehr fröhliche und schnelle ‚kleine Schwester‘ des Tangos. Alle diese Tänze vom Rio de la Plata zwischen Argentinien und Uruguay werden in derselben Art und Weise getanzt. Und je nach Musikrichtung oder –tempo ändert sich die Charakteristik des Tanzes. Das kann man stundenlang und mit immer neuen Variationen tanzen.

Interview: Ruth Hoffmann

Photos © Heidi Schumacher
Artikelbild ©  Jan de Vries – Fotolia

Informationen: www.tango-kurse-berlin.de

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