Hail! Macbeth…

Macbeth

Das Shakespeare-Festival in Neuss ist in vollem Gange, und das Blut fließt: Macbeth! Die Londoner Truppe ‚Piper Productions‘ präsentiert den alten Stoff ohne makabre Szenen und verzichtet auf Zugeständnisse an voyeuristisch interessierte Zuschauer.

William Shakespeares ‚Macbeth‘ ist ein Spiel um Macht, Krieg und Mord, das bis heute nicht an Aktualität verloren hat. Regisseur Guy Retallack holt denn auch das Stück in die Gegenwart, indem er nicht antike Krieger, sondern moderne, in Camouflage-Kampfanzüge gekleidete Soldaten mit Sturmgewehr, Kampfmesser und automatischen Pistolen agieren lässt.
Das Stück enthält etliche Szenen, in denen Hexen und Dämonen Prophezeihungen verkünden oder die mörderischen Protagonisten von den Geistern ihrer Opfer verfolgt werden. Retallack und seiner Truppe gelingt es, selbst auf der technisch extrem beschränkten Bühne des Neusser ‚Globe‘ eine gruselige Stimmung zu zaubern, indem er dezent platzierte Mikrophone und Hall einsetzt und die Irritation nutzt, die entsteht, wenn eine Person den Mund bewegt, aber eine andere Stimme erklingt.

Marcello Walton als Macbeth versteht es, die Horrorvisionen des Tyrannen  nicht nur mit Shakespeares Worten, sondern auch körperlich ins Bild zu setzen. Man glaubt als Zuschauer, den Dolch, der Macbeth im Wahn erscheint, auch selbst über der Bühne schweben zu sehen. Beim Kampf mit Macduff (Jed Shardlow) kommt Waltons Können im Bühnenkampf zum Tragen. Er unterrichtet an drei führenden Schauspielschulen Londons Schaukampf-Technik.
Thea Beyleveld überzeugt als Lady Macbeth auch Zuschauer, die Shakespeares Tudor-Englisch im Orginal nicht gut folgen können: Ihren Ehrgeiz, ihre Gier nach Macht und ihren Wahnsinn kann sie auch mit dem Gesicht zum Ausdruck bringen.

Die Truppe artikuliert den authentischen Text brillant und beherrscht die Aktion bis ins Detail. Selbst das Auftreten der Militärstiefel auf die Bühnenbretter tönt in jeder Lautstärke wie beabsichtigt. Die ‘Truppen’ schleichen auf ballettös leisen Sohlen durch den Wald, sie trampeln aber auch im Sturmschritt auf die Szene.

Das Ensemble tritt in unterschiedlichen Rollen auf: Matthew Schmolle als Banquo und als Doktor, Chris Kiely als Malcolm und Fleance, Jed Shardlow als Duncan und Macduff, Mark Farrelly sogar in vier Rollen. Alice Bonifacio schafft bravourös den Spagat zwischen den Extremen, der edlen Lady Macduff und sinistren gestalten wie einem Meuchelmörder.

Dass die Kostüme der meisten Figuren aus militärischen Uniformteilen bestehen, hat für weniger Shakespeare-versierte Zuschauer allerdings einen Haken: Es macht es mitunter schwierig zu erkennen, welche Rolle ein bestimmter Darsteller gerade spielt.

Die Premiere von ‚Macbeth‘ im ‚Globe‘ quittierte das Publikum mit großem Applaus. Wer die packende Shakespeare-Tragödie im Originalton und in moderner Inszenierung sehen möchte, hat noch am 6. und 7. Juni Gelegenheit dazu.

Text: Ruth Hoffmann

Photos mit freundlicher Genehmigung von Pro Classics

Aufführung am 6. Juni 2015, 20 Uhr, am 7. Juni 15 und 20 Uhr

Informationen: www.shakespeare-festival.de

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