Keine Wunder, keine Helden:
Der Fluss von Atem und Bewegung

Die Übungsform des Tai Chi Chuan hat inzwischen auf der ganzen Welt viele Anhänger. Die ruhigen sanften Bewegungen faszinieren nicht nur, sie beruhigen auch den Geist und helfen, das körperlich-seelische Gleichgewicht dauerhaft zu stabilisieren.

Tai Chi kann jeder üben, allein oder in der Gruppe.*

Tai Chi (in der heute amtlichen Schreibweise Taiji) ist ein Begriff aus dem philosophischen System des Taoismus; Chuan (quan) bedeutet wörtlich ‚Faust’. Zusammen genommen meint Tai Chi Chuan den Kampfstil (und die Lebensweise) nach dem höchsten philosophischen Prinzip. Aus dieser Quelle haben sich viele Schulen und Stile entwickelt, auch in Japan, Korea und anderen Ländern Ostasiens.

Wegen senes ruhigen und meditativen Charakters ist Tai Chi heute bei uns vor allem wegen seiner wohltuenden Einflüsse auf die Gesundheit bekannt. Langsame, weich fließende, zeitlupenartige Bewegungen sollen zu innerer Ausgeglichenheit, Entspannung, aber auch Körperbeherrschung, Ausdauer und Konzentration führen. Es ist kein Sport nur für besonders Talentierte. Wer normal spazieren gehen kann, ist grundsätzlich in der Lage, Tai Chi zu erlernen. Was dazu gehört, ist aber Geduld, um die langsamen Bewegungen zu erlernen und zu üben.

Geduld und Gelassenheit sind die wichtigsten Voraussetzungen.*

Die Übungen wirken auf verschiedenen Ebenen gleichzeitig. Der Körper wird in der Bewegung so weit entspannt, dass die Muskeln die geringst mögliche Grundspannung erhalten und durch tiefes Atmen optimal mit Sauerstoff versorgt werden. Gelenke und Sehnen werden geschmeidig. Außerdem führen sie zu Entspannung, Konzentration und Beruhigung des Geistes. „Das Phantastische ist, dass man die Übungen sogar auf der Straße machen könnte, wenn man keine zu engen Sachen trägt“, sagt eine begeisterte Tai Chi Anhängerin. In China ist Tai Chi sogar Volkssport.

Es gibt allerdings kein einheitliches Tai Chi. Im Lauf der Jahrhunderte sind viele verschiedene Schulen und Stilrichtungen entstanden, die sich auch heute noch weiter strukturieren. Es reicht vom Gesundheitssport über esoterische Aspekte bis hin zu immer noch existierenden Kampfsportvarianten. Als Basis werden aber immer Atem-, Stand- und Bewegungsübungen gelehrt. Weil sich die Einzelübungen gegen einen imaginären Gegner wenden, hat sich der Name ‚Schattenboxen’ parallel etabliert.

Einzelne Übungen gehen ineinander über; so entstehen längere ‚Formen’, die man mit einer Choreographie vergleichen kann. Die Länge und Dauer einer ‚Form’ hängt von der Anzahl der Bewegungen und ihrer Ausführung ab. Sie kann bis zu anderthalb Stunden dauern. Ausgeführt wird Tai Chi zumeist für sich allein, ob einzeln oder in der Gruppe. Für Fortgeschrittene gibt es auch Partnerübungen, die aber schon viel Körperbeherrschung verlangen. Die beiden Sportler führen dabei einen imaginären Kampf gegeneinander aus, der einer genauen Choreographie folgt.

Da Tai Chi ursprünglich eine Kampfform war, gibt es auch Übungen mit Waffen, die heute aber meist stilisiert, also ungefährlich sind. Dazu gehören: das zweischneidige chinesische Schwert, der Langstock, der chinesische Säbel, der Fächer, der Kurzstock, der drei Meter lange Stock, der Speer und die chinesische Hellebarde (Spieß).

Während die für die Bewegungen benötigten Muskeln angespannt sind, soll beim Tai Chi der Rest des Körpers möglichst ruhig und entspannt sein.* Nach der chinesischen Tradition soll das Chi, eine Art innere Lebensenergie, die durch den Körper fließt. Hier kommen Begriffe der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) ins Spiel, und für westlich geprägte Menschen tun sich zahlreiche Türen zu Missverständnissen auf.

Zu esoterischen Ideen Neigende spüren oft schon in der ersten Übungsstunde die mystische Energie in ihrem Rücken kribbeln. Vor lauter Verzückung geht ihnen die ruhige Konzentration schnell verloren. Wenn die kurze Euphorie vorüber ist, wenden sie sich einem anderen Phantom zu, das sie fasziniert.

Junge Männer eifern gern dem Ideal des unbesiegbaren Kriegers nach, machen sich aber nicht klar, dass dies bedeuten würde, alle seine Tage von morgens bis abends mit hartem Training zu verbringen. Die weltberühmten Mönche des Shaolin-Klosters fangen damit üblicherweise schon in recht jungem Alter an.

Nachahmung ist die in China bewährte Methode.

Lassen Sie also die Spinnereien beiseite und halten Sie sich an das Prinzip der chinesischen Lehrmethode: Einfach Nachmachen! Alles weitere stellt sich dann von allein ein, wenn man bloß nicht ungeduldig wird. Entweder Tai Chi tut wohl – oder es ist eben nicht das Richtige für Sie.

Ruth Hoffmann (Text)

repor-tal (*Photos)
fotolia (Photo und Graphik)

Informationen: www.ddqt.dewww.tai-chi-zentrum.dewww.tai-chi-verband.dewww.yang-tai-chi.orgde.wikipedia.org/wiki

*Meister Yang Chengfu (1883 – 1936), der Enkel des Yang-Stil-Begründers, verfasste 1930 ‚Die vollständigen Prinzipien und die Theorie des Tai Chi Chuan’.  Seine zehn Grundregeln lauten:

  1. Den Kopf entspannt aufrichten
  2. Die Brust zurückhalten und den Rücken gerade dehnen
  3. Das Kreuz/die Taille locker lassen
  4. Die Leere und die Fülle auseinander halten (das Gewicht richtig verteilen)
  5. Die Schultern und die Ellenbogen hängen lassen
  6. Das Yi (die Absicht, Intention) und nicht das Li (die Muskelkraft) anwenden
  7. Die Koordination von Oben und Unten
  8. Die Harmonie zwischen Innen und Außen
  9. Der ununterbrochene Fluss (die Bewegungen sollen fließen)
  10. In der Bewegung ruhig bleiben
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