Die ‚heilige Puppenstube‘ (2)

Was die Umgebung der Heiligen Familie anlangt, sind der Phantasie kaum Grenzen gesetzt.
Was die Umgebung der Heiligen Familie anlangt, sind der Phantasie kaum Grenzen gesetzt.
© bilder-erzbistum-koeln.de , Photograph: Rebekka Dierkes

Jeder kennt sie, die weihnachtlichen Stellagen mit Baby, Eltern, Ochs‘ und Esel – mal mit, mal ohne Dach überm Kopf. Manchmal fast abstrakt, oft aber bis ins Detail liebevoll ausgestaltet samt Beleuchtung wie ein Modellbahn-Diorama: die Krippen. Doch woher kommt dieses plastische Bild, was steckt dahinter, und was bedeutet sie heute? fifty2go hat Professor Manfred Becker-Huberti* gefragt. Seine Antworten bringt fifty2go in vier Folgen jeweils an einem Adventssamstag. Heute, zum 2. Advent, geht es um Ritus und Liturgie.

Krippen 2
Die ‚Heilige Familie‘ – Abbild eines Ideals
© bilder-erzbistum-koeln.de, Photograph: Bernhard Moll

“Krippenspiel und Krippenbau vergegenwärtigen beide die Geburt des Erlösers – auf je eigene Weise. Im Unterschied zur Gegenwart fand aber in alter Zeit das Krippenspiel nicht solitär statt, sondern folgte dem Paradiesspiel.
Der 24. Dezember ist der Gedenktag für Adam und Eva, früher strenger Fast- und Abstinenztag. Im Paradiesspiel führte man vor, wie die Erbsünde in die Welt kam. Der paradiesische Baum des Lebens wurde durch einen grünen Baum dargestellt, an dem rote Äpfel mit einem Kördelchen festgemacht waren. – Das ist übrigens der Baum, aus dem sich später unser Christbaum entwickelt hat. Dargestellt wurde im Paradiesspiel, wie die Sünde in die Welt kam, im Krippen- oder Christgeburtspiel, wie die neue Eva, die Gottesmutter Maria, den Erlöser gebar, der die Sünde wieder niederrang, weil er zum ‘Ver-Söhn-er’ wurde.

Krippen - 3
Die drei Weisen oder Könige sind Legende. © repor-tal

Die ‘Intendanten’ dieser ‘Spiele’ in den Kirchen hatten verstanden, dass für Menschen, die nicht lesen oder schreiben konnten, ein Spiel, das mehrere Sinne ansprach, die höchste Merkfähigkeit erreichte. Die Teilnehmer hörten und sahen, sie sangen und sprachen mit, einige spielten sogar mit und schlüpften damit in vorgegebene Rollen. Das Ziel war, nicht nur zu lernen und zu verstehen, sondern zu verinnerlichen, die Inhalte zu einem Teil des eigenen Weltbildes zu machen. Mir scheint dies gelungen zu sein.

Ohne einen inneren Bezug zu der dargestellten Geburtsszene ist eine Krippe bloße Staffage. Man muss die der Krippe innewohnende Potenz aktivieren: Die Kinder dürfen beim Aufstellen der Krippe mitmachen, die Eltern erzählen dabei das Geschehen in Betlehem, die Kinder dürfen einzelne Figuren in Hand nehmen und auf den richtigen Platz setzen. In der Weihnachtszeit kann man mit den Kleinen immer wieder einmal sein ‘Krippchen’ betrachten, aber auch die Krippen anderer Familien und die in einigen Kirchen. Die Kölner Kirchenkrippen zum Beispiel erfreuen sich großer Beliebtheit. Jedes Jahr kommen die Menschen in großen Scharen, um sich die Krippen in den Kirchen anzusehen.

Krippen 8
Sankt Josef in arabischer Tracht
© bilder-erzbistum-koeln.de, Photograph: Nicola Dierkes

In den reformierten Kirchengemeinden wurde meist keine Krippe aufgebaut und nach der Aufklärung auch nicht im privaten Bereich. Im Rahmen der Brauchvermischung um 1900 übernahmen einige Protestanten aber auch den Krippenaufbau, so wie Katholiken Adventskranz und Christbaum akzeptierten.
Der Einzug der Krippen in die Wohnhäuser bedeutete das genaue Gegenteil dessen, was die Aufklärung beabsichtigt hatte. Sie wollte ein Element der Frömmigkeit ersatzlos vernichten, die Menschen aber nahmen das Liebgewonnene mit nach Hause.

Übrigens gibt es nicht nur Krippen, die zum Weihnachtsfest aufgestellt werden. In Süddeutschland und in den Alpenländern gibt es auch Fasten- und Osterkrippen, die das Geschehen dieser Zeit dreidimensional darstellen.

Lesen Sie am 12. Dezember Teil 3.

Professor Dr. Becker-Huberti erklärt die Herkunft der Krippen
Professor Dr. Becker-Huberti erklärt die Herkunft der Krippen
© Manfred Becker-Huberti

*Prof. Dr. Manfred Becker-Huberti (Jg. 1945) hat Katholische Theologie, Philosophie, Publizistik und Kunstgeschichte studiert. Promoviert wurde er 1975. Für das Erzbistum Köln arbeitete er im Schulbereich und in den Medien. Er hat an verschiedenen Hochschulen und Universitäten, dem Kölner Priesterseminar und Diakoneninstitut gelehrt. Seit 2006 ist Becker-Huberti Freiberufler, Autor und Honorarprofessor (2007) an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Vallendar.

Informationen: www.becker-huberti.de

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