Händewaschen ist rezeptfrei

fifty2go: Wir werden in dieser Jahreszeit oft vor Viren und anderen Keimen gewarnt. Sind eigentlich alle Mikroben gefährlich?

Dr. Vesper: Zwei Drittel der gesamten Biomasse unseres Planeten bestehen aus Mikroorganismen. Sie schaffen Grundvoraussetzungen für das Leben von Pflanzen, Tieren und Menschen. Unter den Millionen von Keimen in der Natur sind aber nur einige Hundert gefährlich. Manche besiedeln dauernd den menschlichen Körper und greifen nur bei bestimmten Gelegenheiten die Gesundheit an. Andere werden von außen auf den Menschen übertragen, zum Beispiel beim Händeschütteln, auf der Toilette, in Bus und Straßenbahnen, beim Umgang mit Kranken – und das auch in Klinik und Praxis. Überall wo viele Menschen dicht zusammen sind, besteht erhöhte Infektionsgefahr. Altenheime und Krankenhäuser sind naturgemäß besonders durch Keime gefährdet. Aber auch Kreuzfahrtschiffe bieten zunehmend gute Gelegenheiten für Bakterien und Viren sich auszubreiten.

fifty2go: Wie kann man sich schützen?

 

 

Dr. Johannes Vesper*

 

Dr. Vesper: Umweltbedingungen – Dreck und Schmutz – bieten den Keimen hervorragende Wachstumsbedingungen. Deshalb sind Sauberkeit und sorgfältige Körperhygiene so wichtig für den Schutz vor Infektionen. Die Hände kommen den ganzen Tag über mit Gegenständen und Menschen in Berührung – und deshalb auch mit Viren. Da die Erreger von den Händen leicht auf die Schleimhäute von Augen, Nase und Mund übergehen können, ist es wichtig, der Hygiene der Hände besondere Beachtung zu schenken. Dabei ist Händewaschen die wichtigste Maßnahme. Durch Händewaschen mit warmem Wasser und Seife wird die natürlicherweise sich auf der Haut befindliche, von außen aufgebrachte  Keimbesiedlung, die Flora, verdünnt.

fifty2go: Muss man auch desinfizieren?

Dr. Vesper: Durch Desinfektion der Hände mit 60- bis 70-prozentigem Alkohol wird die Zahl der Keime weiter reduziert. Das wird im medizinischen Bereich bei der Händedesinfektion angestrebt und empfiehlt sich zum Beispiel auch bei Krankenhausbesuchen. Aber schon einfaches Händewaschen schützt vor Infektionen im normalen täglichen Umgang mit gesunden Mitmenschen. Vor allem nach dem Toilettengang, aber natürlich auch vor dem Essen und vor der Zubereitung einer Mahlzeit sollten die Hände gewaschen werden. Aber auch beim Nachhausekommen nach der Arbeit oder dem Besuch der Stadt ist das Waschen der Hände angeraten. Und jeder sollte nach dem Einkaufen daran denken: Geld ist schmutzig! Nichts wechselt so oft den Besitzer. Und dasselbe gilt für Türgriffe, die jeder anfasst.

fifty2go: Gibt es Besonderheiten zu beachten?

Dr. Vesper: Beim Umgang mit infizierten Kranken sollte nach Berührung desinfiziert werden und zwar nicht nur die Handinnenfläche, auch die Fingerzwischenräume, die Handrücken und die Daumen. Auf die Gründlichkeit kommt es an. Fingerringe, Schmuck, Armbanduhren, Piercing beeinträchtigen den Kampf gegen die Keime. Und auch im Krankenhaus lauern die Gefahren insbesondere auf den Händen. Jeder Besucher bringt unbewusst Keime und Bakterien mit ins Krankenzimmer. Sie sollten sich die Hände deshalb sowohl vor als auch nach dem Besuch desinfizieren.

playing with water 003fifty2go: Schützt das denn auch vor Schnupfen und ähnlichen Infektionen?

Dr. Vesper: In der kalten Jahreszeit treten landläufig Erkältungen gehäuft auf, dabei ist aber Kälte nicht die Ursache für die Erkrankungen. Ursächlich verantwortlich sind Mikroorganismen, also Viren und/oder Bakterien. Durch ungeschützte Kälte sind aber die Schleimhäute der oberen Luftwege empfindlicher für den Befall durch Viren und Bakterien. Zumindest Distanz vor erkälteten Mitmenschen, Vermeiden von Händeschütteln, Impfung gegen Grippe, im Extremfall sogar Mundschutz, und auf jeden Fall Händewaschen helfen, eine Infektion zu vermeiden.

fifty2go: Wenn’s einen aber schon erwischt hat…

Dr. Vesper: Hat es uns erwischt, können Husten, Schnupfen, Halsschmerzen, Abgeschlagenheit, Temperatur in allen Kombinationen mehr oder weniger stark auftreten. Falls sich die Erkältung zu einer eitrigen Halsentzündungen oder grün-gelbem Auswurf ausweitet, sollte man sich beim Arzt melden, um die Frage eines Antibiotikums zu klären. Antibiotika werden aber nicht wegen der Halsentzündung eingesetzt, sondern wegen eventueller Folgererkrankungen, wie zum Beispiel einer Nierenentzündung. 

fifty2go: Man hört oft von besonders gefährlichen Viren.

Dr. Vesper: Es gibt auch gefährlichere Erkrankungen. Zum Beispiel ist das Noro-Virus besonders aggressiv. Es wird fäkal-oral übertragen. Bei Auftreten des Brechdurchfalls werden massiv Viren freigesetzt. In der Regel  nehmen die Symptome nach zwei Tage schnell an Intensität ab. Übelkeit und Erbrechen stehen im Vordergrund der Beschwerden, weniger der Durchfall. Bei Kindern unter 5 Jahren und geschwächten älteren Patienten verläuft die Krankheit gelegentlich sogar tödlich.

fifty2go: Was ist mit den berüchtikten Krankenhaus-Keimen?

Dr. Vesper: Die MRSA-Bakterien sind heimtückisch. MRSA sind methicillin-resistente Staphylokokkus aureus, die vor allem im Krankenhaus aber auch außerhalb erworben werden können. Staphylokokken kommen auch bei Gesunden in der Nasenschleimhaut, in den Leisten und auch Achseln vor. Normalerweise lösen sie keine Krankheitssymptome aus, aber bei einem schwachen Immunsystem kann das Bakterium Infektionen auslösen. Die MRSA zeichnen sich dadurch aus, dass sie gegen Methicillin und viele andere Antibiotika resistent geworden sind. Bei geschwächten Patienten können sie hartnäckige, bedrohliche und durch Antibiotika kaum zu beeinflussende Infektionen bedingen. MRSA entstehen durch Änderung ihres Genmaterials bei unkritischer, nicht indizierter oder nicht ausreichender Gabe von Antibiotika bei banalen Infekten.“

Ruth Hoffmann (Interview)

repor-tal (Photo*)

Informationen: www.dr-vesper.de

 

 

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