Opus IV findet fähiges Orchester

Der je nach Herkunft oder Wirkungsstätte als belgischer oder französischer Komponist apostrophierte François-Joseph Gossec ist eine der sonderbarsten Erscheinungen der älteren Musikgeschichte. Die Kammerakademie Neuss hat zu ihrem runden Geburtstag eine CD seiner Symphonies IV eingespielt.

Zum vierzigjährigen Bestehen hat die Deutsche Kammerakademie Neuss neben etlichen Einzelproduktionen zwei großangelegte Zyklen eingespielt, die auf ein internationales Interesse gestoßen sind: Sowohl die sinfonischen Werke des Italieners Luigi Boccherini als auch die jüngst abgeschlossene Michael-Haydn-Serie sind Plädoyers für zwei Meister, deren Schaffen vom Mainstream ein wenig an den Rand gedrängt wurde. Ihnen gesellt sich jetzt ein dritter bedeutender Sinfoniker bei: François-Joseph Gossec. 

Genau genommen war Gossec ein französischer Komponist belgischer Herkunft. Und er war fleißig: Gut vier Dutzend drei- bis viersätzige Beiträge zur wichtigsten Gattung der Orchestermusik hat er geleistet und außerdem auf praktisch allen Gebieten von der Kammermusik bis zu Oper und Ballett mit Zeitgenossen wie Étienne-Nicolas Méhul und Christoph Willibald von Gluck gewetteifert. 

Danach stieg er zum offiziellen Komponisten der Revolution auf und wurde einer der wichtigsten Organisatoren des neugegründeten Conservatoire. Dabei stand seinem Hang zu gigantischen Dimensionen (Grand Messe des Morts oder Te Deum) die Fertigkeit des musikalischen Juwelenschleifers zur Seite, die sich zur Zeit des Ancien Régime vor allem in kostbaren sinfonischen Kollektionen niederschlug. Er wurde 1734 im belgischen Vergenies geboren und starb 1829 in Passy, das heute zu Paris gehört.

Simon Gaudenz, Conductor, photographed by Lucian Hunziker, May 2015

Mit dieser traditionsgemäß aus sechs Werken bestehenden Publikation, dem vor recht genau 260 Jahren gedruckten Opus IV, haben Simon Gaudenz und die Deutsche Kammerakademie Neuss den ersten Schritt auf einem Weg getan, den Robert Schumann mit feinem Gespür schon 1834 in seiner Neuen Zeitschrift zu gehen empfohlen hatte – als er nämlich feststellte, dass Gossecs Bedeutung, wiewohl er „den wahren Charakter der Symphonie gegründet“ habe, nicht wirklich erkannt worden sei, weil es ihm an einem „zur Ausführung seines Gedankens fähigen Orchesters“ gemangelt habe.
Der Brockhaus sagt dazu: „Er gilt wegen der Orchesterbehandlung seiner über 60 Sinfonien als Vorläufer von H. Berlioz“.

Text: Pro Classics / repor-tal

Photo und Cover mit freundlicher Genehmigung von Pro Classics

Informationen: www.deutsche-kammerakademie.de

François Joseph Gossec (1734–1829)
Symphonies op. IV, 1–6
Deutsche Kammerakademie Neuss am Rhein
Dirigent Simon Gaudenz
cpo 555 263-2, VÖ Juni 2019
(jpc-Versandhandel, Tel: 0180-525 1717 – 0,14 aus dem dt. Festnetz, Mobilfunknetze abweichend)

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sind Sie ein Mensch? *

Diese Seite kann Cookies verwenden, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmen Sie dem zu. Datenschutzerklärung