Im Schatten des Olympiers

Cornelia Goethe – den Wenigsten sagt der Name etwas. Wer ihn kennt, weiß zumeist nur, dass sie jung gestorben ist. In der Tat gibt es wenig, was das Leben der Goethe-Schwester belegt. Das meiste davon stammt aus der Feder ihres Bruders, der das Bild Cornelias stilisiert – in seinem Sinne.

Cornelia um 1770, geschmeichelte Zeichnung von J. L. E. Morgenstern

Sigrid Damm hat in einer Fleißarbeit alles zusammengetragen, was jemals über Cornelia Goethe geschrieben wurde. Wenige Zeitzeugnisse, Briefe, sind erhalten. So stützt sich die Autorin mehr auf den großen Meister und zeichnet ein Bild der Schwester im Schatten des Schriftstellers. Goethes Verhältnis zur ein Jahr Jüngeren.

Belegt ist, dass Cornelia fast die gleiche Ausbildung erhielt wie ihr Bruder, bis er das Haus mit 16 Jahren verließ und zum Studium nach Leipzig ging. Der Vater, Johann Caspar Goethe, legt großen Wert auf Bildung. Die Kinder aber leiden unter seinen Anforderungen. Aufgrund seines Vermögens braucht Johann Caspar nicht zu arbeiten und konzentriert sich voll und ganz auf seine Kinder. So regt er die Intelligenz Cornelias an und weckt Neugier und Phantasie in ihr. Die Geschwister leben in enger Gemeinschaft und stetem Austausch, bis Johann Wolfgang das Elternhaus verlässt.

Johann Caspar Goethe

Von diesem Zeitpunkt an hat Cornelia keinen adäquaten Gesprächspartner mehr. Den gleichaltrigen Mädchen der Zeit fehlte oft die Bildung. Sie wurden lediglich auf Haushalt und Ehe vorbereitet.

Kaum ist der Bruder von ihr getrennt, nimmt er die typischen egozentrischen Züge eines damaligen Mannes an, wie sie heute zum Beispiel strenggläubige Muslime an den Tag legen. Eigene Gedanken und Schlussfolgerungen verwehrt er der Schwester. Sie hat sich ihm zu ‚unterwerfen’, seine Genialität anzuerkennen. Da Cornelia aber selbstständiges Denken gelernt hat, folgt sie den harschen, in Briefen geäußerten Befehlen Johann Wolfgangs nicht. Dennoch sind die Geschwister in einer fast fatalen Weise miteinander verbunden. Sigrid Damm weist dies in akribischer Kleinarbeit auf.

Fatale Ähnlichkeit: Johann Wolfgang (Radierung von Schmoll oder Lips 1774) und Cornelia (Bleistiftzeichnung ihres Bruders 1773)

Doch wo die Belege über das Leben Cornelias fehlen, ergeht sich die Autorin in Spekulationen: So könnte das Leben der jungen Frau, die schon mit 26 Jahren starb, verlaufen sein. Dies könnten ihre Gedanken gewesen sein. Aber ob es tatsächlich so war, ist mehr als fraglich. Die Autorin verlässt den tragfähigen Boden der Belege und schreitet auf schwammigen Pfaden in den Nebel: Suchte Johann Wolfgang tatsächlich in allen seinen Frauenbekanntschaften immer wieder nur die Schwester? War Goethe ein Egomane, der allen Frauen die Intelligenz absprach, einschließlich Charlotte von Stein?

Alles in allem hat Sigrid Damm mit ihrer Biographie über Cornelia weniger eine Beschreibung des kurzen Lebens der Goethe-Schwester vorgelegt als ein weiteres Buch über den Bruder, dem sie Egozentrik und Eigenliebe vorwirft.

Text: Ruth Hoffmann

insel taschenbuch (© Cover)

Sigrid Damm: Cornelia Goethe
Insel Verlag; 13. Auflage; Taschenbuch; 259 Seiten; 17,4 x 10,6 x 1,6 cm
10 Euro
ISBN-13: 978-3458331520

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