Fröhliche Weihnukka!

ChanukkaVielen Deutschen sind die jüdischen Traditionen nicht mehr vertraut. Doch langsam finden Feste wie Chanukka wieder Eingang in die öffentliche Wahrnehmung. Chanukka ist der hebräische Name für das Lichterfest, das jedes Jahr zum Ende des Jahres eine ganze Woche gefeiert wird. In diesem Jahr beginnt das Chanukka-Fest am Abend des 6. Dezember 2015.

Das Lichterfest, das viele jüdische Familien feiern, ähnelt in manchen Dingen christlichen Traditionen. Doch es ist wohl den meisten Deutschen nicht bekannt, was eigentlich dahintersteckt. fifty2go fragte die Leiterin der Gedenkstätte Alte Synagoge in Wuppertal, Dr. Ulrike Schrader, nach Geschichte und Hintergrund.
Mit Chanukka (1) wird die Einweihung des zweiten Tempels in Jerusalem gefeiert. Es ist ein Familienfest, das am Vorabend (2) der eigentlichen Festwoche beginnt. Es wird aus der Thora (3) vorgelesen. Das Fest dauert acht Tage. Die Kinder bekommen kleine Geschenke, und es wird gut und reichlich gegessen, vorzugsweise Fettiges und Ölspeisen, zum Beispiel Reibekuchen. Das soll an das Öl-Wunder (4) im Tempel erinnern. Und jeden Abend des Festes wird eine Kerze mehr an der Chanukkia (5) entzündet.

fifty2go: Woher kommt das Chanukka-Fest?

Dr. Ulrike Schrader
Dr. Ulrike Schrader

Ulrike Schrader: Um das Fest in seiner heutigen Bedeutung zu verstehen, muss man weit in die Geschichte zurückgehen.
Der Ursprung des Festes geht nach den Apokryphen (6) auf das Jahr 164 vor Christus zurück. Beschrieben ist es in den zwei Büchern der Makkabäer (7). Das war eine jüdische Sekte, die man heute möglicherweise als fanatisch bezeichnen würde.
164 vor Christus wurde der zerstörte Tempel neu eingeweiht. Die vorher herrschenden Griechen hatten das Heiligste verunreinigt durch ihren heidnischen Zeuskult, den sie in dem jüdischen Heiligtum verehrt hatten.
Die siegreichen Makkabäer könnte man als Prototypen der später sogenannten „Muskeljuden“ bezeichnen. Sie wurden das Vorbild für Stärke und Kraft. Den Ausdruck findet man auch heute noch, zum Beispiel heißen die jüdischen Sportvereine heute noch Makkabi (8).
So wurden die Makkabäer zu Repräsentanten einer selbstbewussten, körperlich starken jüdischen Gruppe. Ein Sinnbild für Stärke, das dem vergeistigten, ‘schwindsüchtigen’ Bild des Juden ein Ende setzte. Die Zeiten der Anpassung waren vorbei.
So kam es quasi zu einem Kulturkampf: Juden gegen Juden. Denn viele Juden fanden es gar nicht so schlimm, sich anzupassen. Dies war der bequemere Weg. Es entstand ein Zwiespalt durch die Frage, wie sie leben sollten. Was ist wichtiger? Die Identität zu bewahren oder sie für den Frieden aufzugeben.
Diese Frage ist nach wie vor aktuell, hat sich aber durch die Jahrhunderte gezogen. Auch während der Inquisition 1492 in Spanien gab es eine Zwangsassimilation der Juden: einige nahmen sich das Leben, andere flohen und wieder andere haben sich taufen lassen (9). Einige der Zwangstäuflinge führten aber ihr jüdisches Leben heimlich weiter.
Betrachtet man die Geschichte, kann man sagen, dass das Chanukka-Fest immer eine Hochblüte hatte, wenn das Judentum unter Druck stand. So auch Ende des 19. Jahrhunderts, als die Judenfeindlichkeit in der Bevölkerung wieder wuchs.

Schön bunt sollen die Kerzen der Chanukkia sein.
Schön bunt sollen die Kerzen der Chanukkia sein.

Wurde auch in Deutschland Chanukka gefeiert?

In Deutschland hat das Weihnachtsfest ja etwas urdeutsches. Es ist heimelig und hat die Familie als Kern. Die Juden fanden dieses Fest äußerst attraktiv. Und um etwas vergleichbar Schönes zu haben, besannen sie sich auf ihr Chanukka-Fest. Wie ihre christlichen Nachbarn verteilten auch sie Geschenke an die Dienstboten. Und die Lichter vom Weihnachtsbaum und Adventskranz fanden ihr Pendant im Chanukka-Leuchter.
Doch im Gegensatz zum Weihnachtsfest, das an die Geburt des Erlösers Jesus erinnert, hat Chanukka keine explizit theologische Dimension. Es erinnert die Juden an ihre eigene Identität. Chanukka wurde zur Ersatzweihnacht für Juden.

Ist das Fest mit bestimmten Traditionen verbunden?

Das Dreidel-Spiel
Das Dreidel-Spiel

Eigentlich gehört es dazu, dass ständig etwas gebacken wird, vorrangig eben recht fettige Sachen. Auch das ist eine der Traditionen, die mit dem adventlichen Backen vergleichbar sind. Und gespielt wird viel, vor allem das Dreidel-Spiel (10) ist beliebt.
Und natürlich ist es sehr feierlich, wenn jeden Tag eine weitere Kerze angezündet wird. Besonders in Berlin ist es stimmungsvoll und schön, wenn jedes Jahr am Brandenburger Tor die größte Chanukkia Europas (11) entzündet wird.
Bei uns in Wuppertal sind die Fenster der Neuen Synagoge die Chanukkia. Jeden Abend wird während des Festes ein Fenster mehr erleuchtet. Das neunte Fenster für den Schammes (12) ist etwas abseits.
Da das Fest hier in Deutschland so viele Überschneidungen mit der deutschen Weihnacht hatte, wurde es damals auch ‘Weihnukka’ genannt.
Auch die Grußkarten-Tradition wurde übernommen. Zu jüdischen Feiertagen werden immer Grußkarten versandt, aber besonders zu Chanukka.

Interview: Ruth Hoffmann

Photos: © repor-tal

  1. Andere Schreibweisen sind möglich wie Chanuka oder Hanuka.
  2. Auch das Weihnachtsfest beginnt in Deutschland am Vorabend mit dem Heiligen Abend. In der Tradition beginnt der neue Tag mit dem Dunkelwerden des vorangegangenen Tages.
  3. In der Thora sind die fünf Bücher Mose aufgeschrieben.
  4. Als die Juden 164 v. Chr. ihren Tempel wieder einweihen wollten, hatte sie nur noch einen Krug des heiligen Öls, dass hierzu notwendig war. Dieses hätte nur gereicht, um die Menora, den siebenarmigen Leuchter des Tempels einen Tag lang brennen zu lassen. Die Herstellung neuen geweihten Öls dauerte acht Tage. Aber das Feuer des Leuchters durfte zwischendurch nicht verlöschen. Und da geschah das Wunder, und die Menora brannte die ganzen acht Tage. Daran erinnert das Lichterfest.
  5. Der Chanukka-Leuchter ist ein acht- oder neunarmiger Kerzenständer. Jeden Abend des Lichterfestes wird eine Kerze mehr entzündet, bis alle acht Lichter brennen. Die neunte Kerze ist der sogenannte Schammes, der Diener, mit dem die anderen acht Kerzen angezündet werden. Deshalb steht sie nicht in einer Reihe mit den anderen Kerzen, sondern ist am Leuchter gesondert angebracht.
    Die Menora hingegen ist der siebenarmige Leuchter, der im zerstörten Tempel stand und verloren gegangen ist.
  6. Apokryphen waren im hellenistischen Sprachraum geheimgehaltene heilige Bücher. Im jüdischen und christlichen Sprachgebrauch sind es antike Schriften, die den biblischen Büchern nach Anlage und Inhalt ähnlich sind, aber nicht in den anerkannten Kanon der ‚Heiligen Schrift‘ aufgenommen wurden. Sie befinden sich in den üblichen Bibelausgaben zwischen dem Alten und dem Neuen Testament.
  7. Makkabäer, mit anderem Namen Hasmonäer, sind in der jüdischen Geschichte eine Heldenfamilie, die die Herrschaft der Seleukiden (makedonische Dynastie in Vorderasien, 312 -64 v.Chr.) über die Judäer beendet haben.
  8. Die MWU (Maccabi World Union) veranstaltet alle vier Jahre, ein Jahr nach den Olympischen Spielen, die Makkabiade als Weltspiele des jüdischen Sports.
  9. Hierzu gehörten auch die Vorfahren der Heiligen Teresa von Ávila. Ihr Großvater war Jude und ließ sich taufen.
  10. Schon in alten Zeiten sollen die Kinder zu zu Chanukka das Dreidel-Spiel betrieben haben. Zumeist wurde und wird um Süßigkeiten gespielt. Der Reihe nach wird der Dreidel, ein kleiner Kreisel aus Holz, gedreht. Der Dreidel hat vier Seiten, auf denen jeweils ein Buchstabe steht. Die Spieler drehen reihum den Dreidel. Die Seite, die nach oben zeigt, gibt das Ergebnis an:
    – so kann dieses gleich Null sein, man gewinnt und verliert nichts
    – Der Spieler gewinnt den ‘Pott’
    – Der Spieler gewinnt den halben ‘Pott’
    – Oder der Spieler muss etwas in den ‘Pott’ geben
  11. Die Berliner Chanukkia hat eine Höhe von 9,60 Metern. In New York soll es eine Chanukkia von gleicher Höhe geben, die als größte der Welt bezeichnet wird. Nach jüdischem Gesetz darf der Leuchter maximal 20 Ellen hoch sein, umgerechnet sind das 9,60 Meter. Hintergrund soll sein, dass die Lichter noch sichtbar sein sollen, was bei einer Höhe über 9,60 Meter nicht mehr möglich sein soll.
  12. Der Schammes ist der Diener. Es ist eine Kerze oder ein Licht, das ausschließlich dafür genutzt wird, die Chanukka-Kerzen zu entzünden und darf deswegen nicht in einer Reihe mit den anderen Lichtern stehen.
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