Die Leichtigkeit der Skulptur

Der Bildhauer Otto Boll schafft Skulpturen, die mit ihrer Leichtigkeit und Eleganz einen Raum verfeinern und fast unauffällig ins richtige Licht rücken. Im Skulpturenpark von Tony Cragg in Wuppertal sind zur Zeit die auf ein Minimum reduzierten Kunstwerke Bolls zu bewundern.

Skulpturenpark-Hausherr Tony Cragg sagt zur Kunst von Otto Boll: „Ich kenne ihn nur über sein Werk. für mich ein phantastischer Schnitt in die Surrealität. Für mich haben seine Skulpturen eine allumgehende Realität und gleichzeitig etwas sehr Irreales. Das funktioniert nur, wenn Betrachter da sind, die sich auf das Kunstwerk einlassen. Aber hundert Betrachter werden auch hundert unterschiedliche Meinungen dazu haben. Diese Kunst wirkt nur, wenn der Betrachter etwas mitbringt und auch von sich einbindet.“

Otto Boll selbst war es wichtig, die Ausstellungshalle genauestens wahrzunehmen, bevor er die Werke aussuchte, die hier präsentiert werden. „Ich suche die Begegnung mit einem Gegenüber im Raum, die körperliche Erfahrung des skulpturalen Gegenstandes“, unterstreicht er seine Absicht.

Der Besucher wird schon beim Betreten herausgefordert: Was sieht er, was nimmt er wahr? Es empfiehlt sich, noch in der Tür zu verharren und den Blick schweifen zu lassen, bis unter die Decke. Dort ‚versteckt‘ sich schon die erste Skulptur: Ein ‚federleichter‘ Speer schwebt da oben. In der Halle selbst stehen nur einige wenige Objekte. Ein freier Raum. Die Leichtigkeit der Skulptur dringt förmlich mit dem Speer in das Bewusstsein des Betrachters. Unter der Decke der Halle erstreckt sich eine Gerade. Doch wenn man weiter geht und den Blickwinkel immer wieder verändert, stellt man fest, dass es sich um einen rechten Winkel handelt. 

Otto Boll

Alle Skulpturen Otto Bolls haben etwas Schwebendes an sich, nicht nur die Werke, die unsichtbar an der Decke montiert sind. Die Bewegung des Betrachters entfaltet die besondere Räumlichkeit der linearen, sehr eng mit der Zeichnung zusammenhängen Skulpturen.

„Bei der ‚Geraden‘ vor der weißen Wand kommt mir der Gedanke an die Entstehung der Menschheit“, sinniert Tony Cragg. „Der Mensch entsteht und vergeht wieder.“ Sechs Meter lang ist dieses Kunstwerk. Ein langes dünnes Stück Edelstahl, in der Mitte nur 18 Millimeter stark, an den Enden jeweils 3 Millimeter, die tatsächliche Mitte nach links verschoben. Es wirkt.

Aus Edelstahl sind die meisten der Werke Otto Bolls. In ihrer Reduktion nähern sich viele der Linie. Ihre lineare Formgebung weist nicht nur auf ihre Herkunft aus der Zeichnung. Fast immer scheint sie auf einen Punkt zu deuten oder – selbst wenn sie in einer Kreisbahn verläuft – irgendwo hinzuzielen, nur, um sich dort zu verlieren. So stehen sich Vollendung und Auflösung in der Formensprache Otto Bolls ausdrücklich gegenüber.

Die Schau ist bis zum 22. September 2019 im Skulpturenpark Waldfrieden in der oberen Ausstellungshalle des Parks zu sehen.

Text: Ruth Hoffmann

Photos mit freundlicher Genehmigung vom Skulpturenpark Waldfrieden, © repor-tal

Informationen: www.skulpturenpark-waldfrieden.de, www.ottoboll.com

Anfahrt: Skulpturenpark Waldfrieden, Hirschstraße12, 42285 Wuppertal

Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags (11 – 18 Uhr, März bis Oktober), freitags bis sonntags (11 – 17 Uhr, November bis Februar)

Eintritt: 12 Euro

Biografie:

Der 1952 in Issum bei Geldern geborene Otto Boll studiert von 1975 bis 1980 an der Abteilung für Kunsterzieher Münster der Kunstakademie Düsseldorf bei dem Bildhauer Ernst Hermanns. 1980 erhält er den Caspar-von-Zumbusch-Preis und von 1981-1982 das Karl Schmidt-Rottluff Stipendium. 1981 folgen weitere Preise, darunter der Förderpreis des Kulturkreises im Bundesverband der deutschen Industrie (BDI), der Förderpreis der Jürgen Ponto-Stiftung und der Kunstpreis ‚junger westen‘ der Stadt Recklinghausen. 1990 wird ihm der Piepenbrock-Förderpreis für Bildhauerei verliehen.

Seine filigranen, in der Stille des Raumes schwebenden oder stehenden Skulpturen aus geschwärztem Metall sind kennzeichnend für sein Werk. Er fordert den Betrachter auf eine besondere Weise heraus, seine sich gegen Null verjüngenden ‚Striche‘ im Raum wahrzunehmen und in Bezug zur Umgebung zu stellen. Bolls Arbeiten befinden sich in einigen namhaften privaten und öffentlichen Sammlungen, so u.a. in der Sammlung der Deutschen Bank, Sammlung der Bundesrepublik Deutschland, Kunsthalle Recklinghausen u.v.m.

Der Bildhauer lebt und arbeitet am Niederrhein.

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