Schattenspiel und Klangspektren

Beim Shakespeare-Festival im Globe Neuss war der 1921 uraufgeführte Spielfim ‚Hamlet‘ zu sehen, in einer Fassung mit Musik von Michael Riessler. Es ist der Film, der seine Produzentin und Hauptdarstellerin Asta Nielsen zum ersten weiblichen Kinostar der Geschichte gemacht hat.

Asta Nielsen als Hamlet – der Prinz ist in Wirklichkeit eine Frau.

Asta Nielsens ‚Hamlet‘ ist nicht Shakespeares. Der Stummfilm-Klassiker aus dem Jahr 1921 folgt einer anderen Spur der Legende um das Schicksal des mittelalterlichen Prinzen von Dänemark: Hamlet sei in Wirklichkeit eine Frau gewesen; ihre königlichen Eltern hätten das Kind als männlich ausgegeben, um die Thronfolge zu sichern. Grundlage dieser Version ist eine Publikation des US-amerikanischen Shakespeare-Forschers Edward P. Vining aus dem Jahr 1861. 

Hamlet ist der 45. Stummfilm der Nielsen und wohl ihr größter Publikumsschlager. Die Inszenierung ist an sich wenig originell: Die Szenen werden jeweils durch erklärende Schrifttafeln angekündigt und dann bühnenmäßig in langen Einstellungen abgedreht; wenige zwischengeschnittene Großaufnahmen stellen den Gesichtsausdruck einiger Protagonisten heraus.

Moment der Verzweiflung: Rache oder Suizid?

Das Negativ des Films ist verschollen. Die Kopie, die in Neuss zu sehen war, stammt aus Privatbesitz und wurde aufwändig restauriert. Ihr besonderer Reiz besteht in der sogenannten Viragierung des Trägermaterials: Je nach Schauplatz der Szenen – innen oder außen, Tag oder Nacht – ist der Hintergrund nicht neutral, sondern leicht warmtönig beziehungsweise grünlich oder blau getönt.

Zum besonderen Erlebnis wurde die Aufführung erst recht durch die Musik, die der 1957 geborene Komponist und Klarinettist Michael Riessler und sein Sohn Lorenzo (Jahrgang 1994) dazusetzen. Der aufgezeichnete Soundtrack wird bestimmt von modalen Anspielungen an skandinavische Volksmusik – unter anderem erklingt eine Schlüsselfiedel – geschickt verwoben mit Jazz-Elementen. 

Doch die beiden spielen auch live dazu: Der Sohn setzt an Schlagzeug und Percussion raffinierte Effekte, immer mit Blick auf die Leinwand; der Vater spielt die technischen und akustischen Möglichkeiten der Bassklarinette über alle konventionellen Grenzen aus, nutzt etwa das Spiel der Klappen auf der nicht angeblasenen Luftsäule in Verbindung mit dem Mikrophon als perkussives Element.

Asta Nielsen schrieb sich diesen intersexuellen Hamlet auf den Leib.

Erst durch diese Musik erwacht der stumme Film zu einem dramatischen Leben. Wie schon bei der Uraufführung im Rahmen der Berliner Filmfestspiele 2006 war das Publikum auch beim Shakespeare-Festival 2018 im Neusser Globe fasziniert und bedachte die beiden Musiker mit kräftigem Applaus.

Text: Jan-Peder Lödorfer

Photos mit freundlicher Genehmigung von ProClassics

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