Nicht verstehen, lieben lernen

Auf eine Stadt, die seit Menschengedenken für den Mittelpunkt der Welt gehalten wurde und drei Weltreligionen als heilig gilt, gibt es keinen neutralen Blick. Als Mönch in Jerusalem zu leben bedeutet aber, einerseits tiefen Einblick zu haben und andererseits nicht von vornherein zu einer der Konfliktparteien gerechnet zu werden.

Das Benediktinerkloster Dormitio Beatae Mariae Virginis liegt auf einem Hügel, der im Süden unmittelbar an die historische Jerusalemer Altstadt dicht anschließt und ‚Berg Zion‘ genannt wird. Der christlichen Legende nach steht es an dem Ort, an dem die Mutter Jesu ihr irdisches Leben beendet und zum Himmel aufgefahren ist.

Je nachdem, welche juristischen Auffassungen von territorialen Rechten man vertritt, kann man das Grundstück des Klosters als ‚Niemandsland‘ betrachten, das zwischen dem West- und dem Ostteil der Stadt liegt, also zwischen dem Israel zugerechneten und dem ‚besetzten‘ Teil Jerusalems. Um solche Staats- und Rechtsfragen soll es aber hier nicht gehen.

Pater Nikodemus Schnabel lebt hier seit 2003, ist inzwischen für die Medienkontakte des Konvents zuständig und als Seelsorger für die deutschsprachigen Katholiken in Israel und Palästina. Dem Autor geht es explizit darum, zwischen den verhärteten Fronten zu vermitteln, und weil die Fronten verhärtet sind, bezieht er häufig verbale Prügel von beiden Seiten.

Doch obwohl es für ihn keinen Tag ohne Konflikte gibt, bekennt er: Ich liebe Jerusalem! (…) Was ich an dieser Stadt und ihren Bewohnern so unendlich liebe, ist ihre Unfähigkeit zum Small Talk: Hier ist nichts egal und nichts belanglos; hier gibt es keinen faulen Frieden à la ‚lässt du mich in Ruhe, lass ich dich in Ruhe‘; hier gibt es keine Langeweile!

Pater Schnabel gibt viel von sich selbst preis, etwa wenn er erzählt, warum er Mönch geworden ist. Er bietet in diesem kleinen Band aber auch Einblicke in das spezielle Jerusalemer Milieu, die jeden anderen Reiseführer über Jerusalem ergänzen können. Welche christlichen Kirchen gibt es hier und wie ist ihr Verhältnis untereinander? Wie sieht es bei den Juden und den Muslimen aus? 

Er ist sich darüber im Klaren, dass er selbst ein Teil der kuriosen Szenerie ist: Ich bin doch nicht blöd, natürlich kriege ich mit, dass viele Pilger und Touristen mit der Kamera auf mich draufhalten, wenn ich als Mönch durch die Gassen der Jerusalemer Altstadt gehe, und dass sie förmlich in Verzückung geraten, wenn sie in denselben Bildausschnitt auch noch einen ultraorthodoxen Juden in seinem Kaftan und einen traditionell gekleideten Muslim mit Gebetsschnur hineinbekommen. Das ist für viele das Symbolbild dieser Stadt, das in einem einzigen Foto alle Klischees bedient: verwinkelte, uralte Gassen, durch die sich archaisch gekleidete Vertreter der drei großen monotheistischen Weltreligionen hindurch schieben…

Dieses Zitat steht zugleich für den freimütigen und zugewandten Stil dieses Buches. Es ist ein flammendes Plädoyer gegen jede Art geistiger Beschränktheit. Das gilt auch und ganz besonders für das Kapitel über Gaza, einen winzigen Teil der Welt, über den ganz unverhältnismäßig viel und eifrig diskutiert wird, und zwar fast ausschließlich von Menschen, die niemals dort waren.

Sein Schlusssatz ist denn auch der Aufruf, sich selbst ein Bild zu machen: Verstehen wird man dieses Land und seine Menschen wohl nie ganz, aber man kann es lieben lernen. Einen Versuch ist es wert!

Text: Jan-Peder Lödorfer

Coverbild mit freundlicher Genehmigung des Verlages

Informationen: 
P Nikodemus Schnabel: Zuhause im Niemandsland. Mein Leben im Kloster zwischen Israel und Palästina
Herbig Verlag, ca. 174 Seiten, gebunden
Preis 20 Euro
ISBN 978-3-7766-2744-2

https://www.herbig.net/seiten/produktdetails-buch/product/422/Zuhause%20im%20Niemandsland/

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