Tradierte Erfahrung
für die Gesundheit

Seit einigen Jahren ist sie wieder angesagt und viele Menschen interessieren sich für ihr Wissen: Hildegard von Bingen, adelige und hoch gebildete Ordensfrau, lebte im 12. Jahrhundert (1098-1179) und gilt als bedeutendste Wegbereiterin der Klostermedizin im Mittelalter. In ihren Werken ‚Physica‘ – ‚Naturkunde‘ und ‚Causae et Curae‘ – ‚Ursachen und Behandlung von Krankheiten‘ schrieb sie praktische Anleitungen zu einer gesunden Lebensführung und zur Heilung nieder. Sie kann somit als Begründerin der Traditionellen Westlichen Medizin bezeichnet werden.

Professor Dr. Claus Schulte-Uebbing

Professor Dr. med. Claus Schulte-Uebbing ist Frauenarzt und Dozent für Frauenheilkunde, Umweltmedizin und Onkologie in München. Er hat sich intensiv mit den medizinischen Traditionen verschiedener Kulturen befasst und eine Reihe von Büchern publiziert, unter anderem zu Hildegard und ihren Therapie-Empfehlungen, die er unter dem Begriff ‚Traditionelle Westliche Medizin‘ (TWM) zusammenfasst.

fifty2go: Seit wann gibt es den Begriff ‚Traditionelle Westliche Medizin‘ kurz TWM, und was umfasst er?

Dr. Schulte-Uebbing: Seit 1980. Die Traditionelle Westliche Medizin – TWM – ist unser Pendant zur Traditionellen Östlichen Medizin beziehungsweise Traditionellen Chinesischen Medizin – TCM. Sie fußt auf unserer westlichen Kultur des christlichen Abendlandes. Sie geht unter anderem zurück auf Hildegard von Bingen und bietet eine hervorragende Alternative zu Methoden und Heilmitteln fernöstlicher Kulturen, wie der TCM und Ayurveda-Medizin.

Heimische Kräuter sind oft weniger belastet.

fifty2go: Was zeichnet die TWM aus?

Dr. Schulte-Uebbing: Die TWM hat einige Vorteile. Aus ökologischen und auch toxikologischen Gründen sind westliche Nahrungs- und Heilmittel, insbesondere aus der Region, in jedem Fall zu bevorzugen. Heilmittel aus Fernost sind sehr oft pestizid- und schwermetallbelastet. TWM-Heilpflanzen dagegen sind ökologisch und toxikologisch in Ordnung. Übrigens ist auch die Klassifizierung von Krankheiten und Heilmitteln in der Traditionellen Westlichen Medizin bestechend einfach und überzeugend.

fifty2go: Handelt es sich um ein zusammenhängendes System oder um eine mehr oder weniger zufällige Sammlung überlieferter Rezepte und Therapien?

Dr. Schulte-Uebbing: Es ist ein zusammenhängendes System. Die Einheit von Körper, Geist und Seele innerhalb der Schöpfung ist essentiell. In Anbetracht der vielen psychosomatischen und umweltbedingten Erkrankungen stellt dieses System eine wichtige Ergänzung und Bereicherung der modernen Medizin dar. In unserer modernen Zeit, wo sich die Folgen der Umweltzerstörung mehr und mehr bemerkbar machen und in vielen Erkrankungen niederschlagen, zeigt die TWM einen ganzheitlichen Weg zur Gesundheit.

fifty2go: Welche Vorstellung vom menschlichen Körper, Krankheit und Gesundheit liegt der TWM zugrunde?

Schon Hildegard ging vom ganzheitlichen Ansatz aus.

Dr. Schulte-Uebbing: Die TWM ist unterteilt in einen Mikro- und einen Makrokosmos. Der Mensch ist Teil des Universums. Das Gleichgewicht von Elementen und Säften, Dingen die in uns und auf uns wirken, spielt bei der Entstehung, Behandlung und Vermeidung von Krankheiten eine große Rolle. Körperliche Krankheiten haben seelische Ursachen und entstehen, wenn der ganzheitliche Einklang fehlt. Sie sind Folge einer Disharmonie der Säfte und Elemente.
In der TWM wird – wie auch in der TCM oder der Ayurveda-Medizin – die Qualität, die Beschaffenheit von Mensch, Heilpflanze oder Nahrungsmittel über spezielle Eigenschaften charakterisiert. So werden diese nach ihrem Gehalt an Hitze oder Kälte, Feuchtigkeit oder Trockenheit, Fülle oder Leere, sowie nach ihrem Anteil an Phlegma, gelber oder schwarzer Galle* beurteilt.
Bei den meisten gesunden Menschen ergibt eine Analyse des individuellen Zustands in der Regel ein Überwiegen von Kälte oder Wärme, Feuchtigkeit oder Trockenheit, Fülle oder Leere. Daneben liegt eine Mischform verschiedener Zustände vor, zum Beispiel das Überwiegen von Wärme in Kombination mit Fülle.
Die Elemente und Säfte befinden sich in einem fließenden Gleichgewicht. Dabei sind gewisse Schwankungen normal. Wenn aber diese Zustände extrem aus dem Gleichgewicht geraten, dann sind wir krank.
Auch die meisten Krankheiten stellen Mischformen mit einem Schwerpunkt dar. So kann beispielsweise ein Feuchtigkeitsüberschuss oder -mangel mit einem Schwäche- oder Füllezustand, Kälte oder Hitze et cetera kombiniert vorkommen.

fifty2go: Seit wann wenden Sie TWM in Ihrer Praxis an?

Hildegard-Garten bei Badenweiler. Noch heute ist das Wissen Hildegard von Bingens aktuell.

Dr. Schulte-Uebbing: Seit über zwanzig Jahren, mit sehr gutem Erfolg. Wir wenden alle guten Methoden der modernen Schulmedizin an, machen moderne strahlenfreie Diagnostik, zum Beispiel mit unserer strahlenfreien Infrarot-Radiographie, unserem strahlenfreien Ultraschall-CT et cetera, haben ein eigenes Immun- und Hormonlabor und mehr und kombinieren diese modernen schulmedizinischen Methoden mit Methoden der Traditionellen Westlichen Medizin. Die TWM hat uns einen großen Schatz an Heilwissen hinterlassen wie Heilpflanzen, Mineralien und Nahrungsmittel.

fifty2go: Wie sind Sie darauf gekommen?

Begründer der Hildegard-Medizin: Dr. Gottfried Hertzka (1913 bis 1997)

Dr. Schulte-Uebbing: Ich befasse mich seit dreißig Jahren mit traditionellen medizinischen Stilrichtungen. Dazu gehört die Traditionelle Chinesische Medizin, die Ayurveda-Medizin, aber auch und vor allem die Traditionelle Westliche Medizin. Es gibt eine große Vielzahl von namhaften Vertretern der TWM. Hauptvertreterin ist unter anderem Hildegard von Bingen. Über der Hildegard-Medizin bekam ich erstmals 1980 Kenntnis durch den Mediziner Dr. Gottfried Hertzka und vor allem durch die Apothekerin Lydia Meinhold und Pater Dr. Dr. Alfons Berkmüller, Priester, Neurologe, Psychiater und Internist.

fifty2go: Kann man die Empfehlungen und Rezepturen Hildegards allein anwenden oder sollte man vorher einen Experten fragen?

Dr. Schulte-Uebbing: Man kann sie prinzipiell alle allein anwenden, wenn Diagnose, Indikation und Dosierungen stimmen.

fifty2go: Welche Voraussetzungen sollte der Experte haben?

Dr. Schulte-Uebbing: Er sollte sich mit moderner Medizin, Diagnostik, Therapie und Prävention auskennen und vor allem mit Traditioneller Westlicher Medizin.

fifty2go: Gibt es Krankheiten bei denen eine TWM-Therapie eventuell nicht angebracht ist und auf jeden Fall ein Schulmediziner hinzugezogen werden sollte?

Dr. Schulte-Uebbing: TWM ist prinzipiell für jeden geeignet. Aber natürlich ist eigentlich immer eine gute Diagnostik, ein gutes Therapie- und vor allem auch Präventions-Konzept gewünscht und notwendig.

fifty2go: Bekomme ich Hildegard-Mixturen auch fertig in der Apotheke?

Dr. Schulte-Uebbing: Das ist keine Fertig-Schubladen-Apotheken-Medizin. Es gibt einige Apotheken und Phytotherapie-Firmen, die sich schon lange mit Traditioneller Westlicher Medizin befassen. Im München zum Beispiel die Klösterl-Apotheke, in Konstanz die Jura-Apotheke oder die Firma Posch in Österreich. Die haben dann auch eine Reihe von häufig verwendeten TWM-Rezepturen fertig.

Interview: Ruth Hoffmann

Photo ‚Portrait Dr. Schulte-Uebbing‘: © Dr. Schulte-Uebbing
Photo ‚Kräutertöpfe: © pixelunikat – Fotolia
Photo: ‚Elixiere‘: ©  Comugnero Silvana – Fotolia

Informationen: www.dr-schulte-uebbing.de

*Anm. d. Red.: Nach einer antiken Lehre bestimmen vier ‚Körpersäfte‘ das Leben: Blut (lat. sanguis), Schleim (griech. phlegma) gelbe Galle (griech. chole) und schwarze Galle (griech. melaina chole). Das Mischungsverhältnis (lat. temperamentum) entschied über die Stimmung; zu viel ’schwarze Galle‘ z.B. erzeugt ‚Melancholie‘.

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Kommentare 6

  • Danke für den sehr informativen Artikel, liebe Frau Hoffmann!

    Die TWM sollte sehr viel stärker Öffentlichkeitsarbeit betreiben: denn darin ist alles enthalten, was wir für unsere ganzheitliches Gesundsein brauchen – und alle Ansätze wie Methoden und Heilpflanzen stammen aus unserem Kulturkreis.
    Ergänzen möchte ich, dass neben Hildegard von Bingen auch Sebastian Kneipp umfassendes Wissen für die Gesundheit von Körper, Geist & Seele bereitstellte.

    Ab jetzt werde ich öffer bei „fifty2go“ vorbeischauen: ein sehr lesenswertes Online-Magazin!

    • Vielen Dank, liebe Frau Löhr! Wir freuen uns über Ihr Lob und auch darüber, dass Sie uns weiterhin besuchen wollen. Empfehlen Sie uns weiter!
      Wir dürfen Ihnen auch schon verraten, dass wir Ihrem Hinweis nachkommen. Beiträge über Sebastian Kneipp und Vincenz Prießnitz stehen auf unsere Themenliste.

  • Liebe Frau Hoffmann, vielen Dank, dass Sie das Interview gemacht haben. Die Fotos gefallen mir sehr gut. Überhaupt finde ich Ihr Magazin „fifty2go“ sehr informativ und gut gemacht. Weiter so !

  • Hallo fifty2go, danke für die Info. Hab mal quer gelesen. Ist wirklich interessant. Dat Hilde wusste eine ganze Menge und hat, wie im Artikel beschrieben, immer alle Aspekte des Menschen im Blick gehabt. Und klar, es ist immer gut sich auf das naheliegende zu besinnen. Ich denke, man sollte als Therapeut möglichst viele Therapien in Betracht ziehen, um die besten zu finden, die für den Patienten in Betracht kommen, sich selber eingehend mit einigen wenigen beschäftigen, hinter denen man steht und über viele andere einiger Maßen Bescheid wissen, um ggf. den Leidenden weiter zu schicken. Hildegard hat uns aber auch eine Menge Anleitungen hinterlassen, die wir quasi als Hausapotheke und prophylaktisch nutzen können. Neben ihr gab es noch viele andere, wie z.B. Kneipp mit seinen Wasseranwendungen oder Prießnitz, mit dessen Wickeln mich meine Mama quälte, als ich als Kind mit Fieber daniederlag, eklig, aber wirksam!

  • Ein guter Einblick in eine uralte Wissenschaft, die bei uns leider etwas verschütt gegangen ist, kein Wunder bei all den technischen Fortschritten bei Medikamenten, Methoden, Apparaturen, Geräten, man denke nur an CT, mikroinvasive Eingriffe, Gentechnik etc. TWM ist leider nicht sehr bekannt, eher dagegen TCM und Ayurveda, das klingt doch so geheimnisvoll und esotherisch. Es wäre verdienstvoll, die Grundprinzipien dieser Methoden herauszuarbeiten und zu vergleichen, denn die Krankheiten sind in Ost und West die Gleichen, nicht jedoch die Lebensbedingungen für Pflanzen und den daraus gewonnenen Substanzen. TWM ist ein sinnvolle und hilfreiche Behandlungsmethode für viele „Volkskrankheiten“ wie Rheuma, Gicht, Gefäßerkrankungen, Bluthochdruck,-Zucker,Magen-/Darmerkrankungen, psychosomatische Erkrankungen etc. Die Abgrenzung zur Homöopathie ist Vielen nicht klar. Interessant wäre die Einbeziehung von Ernährung, Bewegung, Sport sowie psychologisch-meditative Methoden bis hin zu Spiritualität im Sinne eines ganzheitlichen Ansatzes.
    Dr. Helmut Baier

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