Der Alte ist nicht
immer der Kommissar

Der demographische Wandel beschäftigt die Wissenschaftler in allen Bereichen, selbstverständlich in der Soziologie, aber auch in der Kriminologie. Denn Ältere treten auch als Kriminelle zunehmend in Erscheinung – und zwar nicht nur als Opfer, sondern auch als Täter. Dies ist das Spezialgebiet von Dr. Tim Lukas,  (Jg. 1976), Dozent für Soziologie und Kriminologie an der Bergischen Universität Wuppertal.

fifty2go: Je älter man wird, desto mehr fürchtet man sich davor, Opfer einer Straftat zu werden. Ist diese Furcht eigentlich berechtigt?

Dr. Tim Lukas, © repor-tal
Dr. Tim Lukas

Dr. Lukas: Eigentlich nicht. Nach den Ergebnissen nationaler und internationaler Studien werden ältere Menschen vergleichsweise selten Opfer krimineller Handlungen. Informationen zum Opfer enthält die Kriminalstatistik allerdings nur für den Bereich der Gewaltdelikte. Sie klammert opferbezogene Daten für Eigentums- und Vermögenskriminalität völlig aus. Beim Vergleich zwischen den Altersgruppen 21 bis 59 Jahre gegenüber 60plus erscheinen die Älteren als wesentlich weniger gefährdet, Opfer eines Gewaltdeliktes zu werden – wenn man einmal absieht vom Handtaschenraub bei Frauen.

fifty2go: Wie ist es denn mit Betrug und Diebstahl?

Dr. Lukas: Die Forschung hat nachgewiesen: im Bereich der Trickdiebstähle steigt die Kurve steil in die Höhe, je älter das Opfer ist. Bei den Vermögens- und Eigentumsdelikten steht immer noch der sogenannte ‚Enkeltrick‘ oben an. Betroffen sind vor allem allein lebende Frauen über 80 Jahren. Dennoch werden – ohne die genannten Ausnahmen  – Menschen über 60 seltener Opfer als Jüngere. Und auch die Dunkelziffer bei ihnen ist nachweislich geringer, weil die Anzeigebereitschaft im Alter zunimmt.

fifty2go: Ist es also falsch, sich vor Kriminalität besonders in Acht zu nehmen?

Dr. Lukas: Kriminalitätsfurcht muss kein Fehler sein. Ältere Menschen sind einfach vorsichtiger als jüngere. Das Verhalten ist entscheidend. Das Bewusstsein größerer Verletzlichkeit und die bessere Einschätzung der eigenen Kräfte lässt Ältere gefährliche Situationen besser einschätzen und vermeiden. Wenn Ältere sich allerdings aus Furcht vor Kriminalität ganz aus dem öffentlichen Raum zurückziehen, verlieren sie auch leicht ihre sozialen Kontakte. Vorsicht ist also gut, aber überängstlich sollte auch niemand sein.

fifty2go: Wie sieht denn die Statistik auf der Täter-Seite aus; sind Ältere weniger kriminell als Jüngere?

Dr. Lukas: Kriminalität ist normal und kommt in allen Gesellschaften, Schichten und eben auch Altersgruppen vor. Mit der wachsenden Lebenserwartung nimmt der Anteil der Älteren an der Bevölkerung zu und damit selbstverständlich auch die Kriminalität älterer Menschen. Im Verhältnis haben die über 60-Jährigen aber die geringste Kriminalitätsbelastung aller Altersgruppen. Dennoch steigt die Zahl der alten Gefängnisinsassen an, was neben der Verhängung längerer Haftstrafen auch an demographischen Entwicklungen liegt.
Auffällig ist jedoch, dass die Gruppe der sogenannten ‚Ersttäter‘ unter den Älteren mit bis zu 80 Prozent verhältnismäßig hoch ist. Da sprechen wir von ‚Spätkriminalität‘. Untypisch für diese Gruppe sind aber schwere Verbrechen wie etwas Vergewaltigung und Raub.

fifty2go: Gibt es denn auch Delikte, die für Ältere typisch sind?

Dr. Lukas: Alterstypische Straftaten sind zumeist Eigentums- und Vermögensdelikte. Bei einer anonymen Umfrage kam aber auch heraus, dass das Vergehen Nummer 1 die Trunkenheit am Steuer ist.

fifty2go: Gelten die Daten im gleichen Maß für Frauen wie für Männer?

Dr. Lukas: Es gibt eine Auffälligkeit im Gegensatz zu den jüngeren Straftätern: Bei den 60plus haben die Frauen einen größeren Anteil mit 30 Prozent, während es bei den jüngeren nur 20 Prozent sind. Die Gründe dafür werden allgemein in Verarmungstendenzen durch zum Beispiel Scheidungen oder Witwenschaft gesehen.

fifty2go: Gibt es ausgesprochen alterstypische Motive für Kriminalität?

   Dr. Lukas: Ein großes Problem bei den Untersuchungen ist die fehlende Unterscheidung der Altersgruppen über 60 Jahren. Kriminalität bei den sogenannten ‚jungen Alten‘ bezieht sich meistens auf Betrugs- oder Steuerstraftaten. Bei den alten Alten sprechen wir hingegen oft von einer ‚Alterskrisenkriminalität‘. Das können etwa Ladendiebstähle, Beleidigungen oder leichte Körperverletzungen sein.
Oft ist auch die Abschreckungswirkung von Sanktionen bei Älteren nicht mehr so stark. Sie vertrauen darauf, dass das Gericht wegen ihres Alters Nachsicht walten lässt. Das ist jedoch ein Irrtum. Die Zahl der Älteren im Strafvollzug hat sich in den letzen 20 Jahren verdreifacht.

fifty2go: Und wie lauten die Prognosen?

Dr. Lukas: Der demographische Wandel lässt uns vermuten, dass das Kriminalitätsaufkommen in der Altersgruppe über 60 zukünftig steigen wird. Erfahrungen aus Japan zeigen, dass die Alterskriminalität rapide und deutlich überproportional zu demographischen Alterungsprozessen ansteigt. Japan hat die stärkste Bevölkerungsalterung weltweit.

Interview: Ruth Hoffmann

Photo Tim Lukas: © repor-tal
Photo ‚Handschellen‘: © laurent hamels – Fotolia
Photo ‚Paragraphen-Handschellen‘: © shoot4u – Fotolia 

 

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