“Etwas finden,
was keiner Frage bedarf”

Aufführung: Fliedergarten, Choreografie: Antony Tudor, Berlin, 1962 © Pina Bausch Foundation, Fotograf unbekannt
Aufführung: Fliedergarten, Choreografie: Antony Tudor, Berlin, 1962 © Pina Bausch Foundation, Fotograf unbekannt

Pina Bausch, die Revolutionärin des modernen Tanztheaters, hat die Bühne und das Leben vor sechseinhalb Jahren verlassen. Eine Stiftung bewahrt ihr Erbe, und ihr Tanztheater Wuppertal will es weiter entwickeln. Die Bundeskunsthalle in Bonn würdigt das Leben und Schaffen der Künstlerin jetzt mit einer großen Ausstellung.

Porträt Pina Bausch Photo: Wilfried Krüger © Pina Bausch Foundation
Porträt Pina Bausch
Photo: Wilfried Krüger
© Pina Bausch Foundation

„Mich interessiert nicht, wie die Menschen sich bewegen, sondern was sie bewegt,“ lautet ein Zitat von Pina Bausch. Geboren 1940 starb sie mitten in ihrem Schaffen 2009. Sie gilt als Pionierin des modernen Tanztheaters und als eine der einflussreichsten Choreographinnen des 20. Jahrhunderts. Gemeinsam mit ihrer Compagnie entwickelt sie eine Form des Tanztheaters, welches – verknüpft mit ihrem Namen – längst als ein eigenständiges Genre betrachtet wird. In der Bundeskunsthalle wird ihr Schaffen nun erstmals in Form einer Ausstellung erfahrbar gemacht.

Während die meisten Stücke Pina Bauschs immer wieder vom Tanztheater Wuppertal aufgeführt werden und somit als Ergebnisse ihrer Arbeit für die Zuschauer weiterhin erfahrbar sind, widmet sich diese Ausstellung den vorausgehenden und begleitenden Entstehungs- und Entwicklungsprozessen. Dabei folgt sie mit der Auswahl und Zusammenstellung den Aussagen der Künstlerin, die in ihrem Workshop-Vortrag „Etwas finden, was keiner Frage bedarf“ anlässlich der Verleihung des Kyoto-Preises 2007 ihren Schaffensweg resümiert hat. Unterschiedliche dokumentarische Materialien, die aus dem umfangreichen Archiv der Pina Bausch Foundation stammen, beleuchten den Werdegang der Choreografin, entfalten ihre Arbeitsweise und nehmen ihre Motive und Inspirationen in den Blick.

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Herzstück der Ausstellung ist ein originalgetreuer Nachbau der ‘Lichtburg’ – in diesem alten Wuppertaler Kino hatte Pina Bausch den größten Teil ihrer frühen Stücke gemeinsam mit ihren Tänzerinnen und Tänzern entwickelt. Das Original gibt es nicht mehr. In der Bundeskunsthalle aber wird der Nachbau zum Raum der Begegnung. Mitglieder des Tanztheaters Wuppertal vermitteln den Besuchern Bewegungsqualitäten und kleine Bewegungssequenzen. Performances, Tanz-Workshops, öffentliche Proben, Talks, Filme und mehr machen die Kopie der ‚Lichtburg‘ zum Labor des Erinnerns und der Transformation für jeweils 25 bis 50 Besucher.

*finals_A3_Pina Bausch.indd – Version 2In Bonn ist die Ausstellung bis zum 24. Juni zu sehen. Danach geht sie nach Berlin in den Martin-Gropius-Bau vom 16. September 2016 bis zum 9. Januar 2017.

Text: repor-tal

Lesen Sie in Teil II: Typisch Pina: die Truppe und ihre Bühne

Photos mit freundlicher Genehmigung der Bundeskunsthalle

Informationen: www.bundeskunsthalle.de

Adresse: Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Friedrich-Ebert-Allee 4, 53113 Bonn

Telefon: 0228 / 91 71–200

Öffnungszeiten: dienstags und mittwochs 10 bis 21 Uhr; donnerstags bis sonntags und feiertags 10 bis 19 Uhr

Eintritt: 10 Euro

Audioguide: 10 Euro

Parkmöglichkeiten: Parkhaus Emil-Nolde-Straße; Navigation: Emil-Nolde-Straße 11, 53113 Bonn

Publikation:
Stefan Koldehoff / Pina Bausch Foundation (Hrsg.): O-Ton Pina Bausch: Interviews und Reden
Nimbus Verlag, Gebundene Ausgabe, 320 Seiten, 16,4 x 2,8 x 22,9 cm
29,80 Euro
ISBN-13: 978-3-0385-0021-6

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Zitate von Pina Bausch:

“Alles, was ich mache, mache ich als Tänzerin, alles, alles.”
“Ich glaube, wir sind uns mit unserem Körper am nächsten, und jeder Mensch drückt sich dauernd aus, einfach, indem er ist. Es ist ja alles auch sehr sichtbar.”
Gespräch mit Christiane Gibiec Frankfurter Rundschau, 17. Oktober 1998

“Für mich ist das Tanz […] Vielleicht ist für mich viel mehr Tanz da, als man denkt!”
“Wenn irgendetwas stattfindet, was vielleicht eine Ähnlichkeit hat mit kindlichen Spielen, oder etwas, was man vielleicht mal gemacht hat, als man klein war, ist es ja trotzdem etwas völlig, völlig anderes, wenn das ein Erwachsener tut. Durch diese Form, die das kriegt, ist es ja etwas ganz anderes.”
‘Bilder… aus Stücken der Pina Bausch’ Interview und Regie: Kay Kirchmann 1990

“Das ist manchmal auch sehr, sehr schwer – also zu realisieren, aber für die Tänzer auch sehr schwer, teilweise. Es ist schön und schwer, beides.”
Öffentliches Gespräch im Goethe-Institut Buenos Aires, 22. Oktober 1994

“Ich kann kein Gebäude vertanzen oder sowas, also, ich bin wahnsinnig darauf angewiesen, Menschen zu treffen, Leute kennenzulernen, dahin zu gehen, wo die Leute sind.”
Gespräch mit Roger Willemsen Fernsehtalkshow ‘Willemsens Woche’ / ZDF 24. April 1998

“Diese Rollen waren alle mit meinem Körper geschrieben.”
“Unser Probenraum ist die Lichtburg, ein ehemaliges Kino aus den Fünfziger Jahren. Wenn ich in die Lichtburg gehe, an einer Bushaltestelle vorbei, dann sehe ich fast täglich viele, die sehr traurig und müde aussehen. Und auch diese Gefühle sind in unseren Stücken aufgehoben.”
“Wenn man etwas, das normalerweise draußen ist, nach innen in ein Theater holt, dann öffnet das den Blick. Plötzlich sieht man Dinge, die man zu kennen glaubt, ganz neu – wie zum ersten Mal.”
‘Was mich bewegt’ Rede anlässlich der Kyoto-Preis-Verleihung 11. November 2007

“Es geht darum, etwas zu finden, was keiner Frage bedarf.”
“Eigentlich wollte ich immer nur tanzen. […] Wenn ich choreografiert habe, dann ging es immer nur darum, dass ich in diesen Choreografien etwas tanzen konnte, was mir wichtig war.”
“Also habe ich ihnen Fragen gestellt, die ich an mich selber hatte. Die Fragen sind dazu da, sich ganz vorsichtig an ein Thema heranzutasten.”
“Wenn ich reise, gucke ich naiv wie ein Kind.”
“Auch als Kompanie sind wir ganz international. So viele verschiedene Persönlichkeiten aus ganz unterschiedlichen Kulturen […] Wie wir uns gegenseitig beeinflussen, inspirieren, voneinander lernen […] So reisen wir nicht nur – wir selber sind schon eine Welt für sich.”
“Es liegt mir am Herzen, dass man diese Menschen auf der Bühne wirklich kennenlernen kann. […] In den Stücken ist jeder ganz er selbst; niemand muss etwas spielen.”
“Die Mittel im Tanztheater sind aus einer bestimmten Notwendigkeit, auch aus einer Not heraus entstanden: Man ist das, was man ist, und wir können auf der Bühne nur zeigen, wer wir sind. Wenn man das tut, ist das schon ganz viel: zu zeigen, was wirklich ist.”
“Ich habe mir nie vorgenommen, einen bestimmten Stil oder ein neues Theater zu erfinden. Die Form ist ganz von selber entstanden: aus den Fragen, die ich hatte. Ich habe in der Arbeit immer nach etwas gesucht, das ich noch nicht kenne.”
“Die Arbeit mit dem Tänzer und Choreografen Jean Cébron war besonders intensiv. […] Er ist einer derjenigen, von denen ich am meisten über Bewegung gelernt habe. Mir bewusst zu werden über jede winzige Kleinigkeit einer Bewegung und was und wie alles gleichzeitig im Körper passiert, und und und… Man muss so viel denken.”
“Die Zuschauer sind immer ein Teil der Vorstellung […] Jeder ist eingeladen, seinen eigenen Gefühlen zu vertrauen. Es gibt in unseren Programmheften auch nie einen Hinweis darauf, wie die Stücke zu verstehen sind. Wir müssen unsere eigenen Erfahrungen machen, wie im Leben. Das kann uns keiner abnehmen.”

“Etwas finden, was keiner Frage bedarf”
Vortrag anlässlich des Kyoto Prize Workshop in Arts and Philosophy 12. November 2007

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