Wäp-Wäp – Ein Experte klärt auf!

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„Sicherlich eine gestellte Aufnahme“, sagt Experte Michael Schimek, „da Tunscheren heimlich verschenkt wurden.“ (Bild aus: Der Hümmling. Ein Heimatbuch. Osnabrück 1929)

Auf der Spurensuche nach den Ursprüngen und dem Sinn eines alten Volksbrauches Namens ‚Wäp-Wäp‘ sind wir schließlich bei Dr. Michael Schimek angekommen, dem Leiter der bauhistorischen Abteilung des Museumsdorfes Cloppenburg in Niedersachsen. Er kennt nicht nur den Brauch, sondern auch seinen Ursprung und die Hintergründe.

fifty2go: Wo ist der Brauch des Wäp-Wäp beheimatet?

Michael Schimek: In Teilen der Landkreise Cloppenburg und Vechta sowie des Hümmlings war das Mitte der 1960er Jahre ein besonderer Brauch zum Jahreswechsel und ist noch vielerorts bekannt, wenn auch nicht mehr allgemein üblich: Das Ausbringen der ‘Tunschere’ und der ‘Wäperraut’. Mancherorts wird der Brauch auch heute noch geübt, doch ist er inzwischen in den meisten Gegenden weitgehend ausgestorben.

Was ist denn nun eine Tunschere und was eine Wäperraut?

Michael Schimek vom Museumsdorf Cloppenburg

Michael Schimek vom Museumsdorf Cloppenburg

Tunscheren sind kunstvoll verzierte Gebilde aus Weidenruten. Diese wurden geschält und getrocknet, um dann so abgeschabt zu werden, dass lockenartige Fäden, sogenannte ‘Krüseln‘ oder ‘Krüllen’, als Verzierung entstanden. Die gebogenen Weidenruten wurden mit ihren Enden auf ein bunt bemaltes Holzbrett gesteckt, das hierfür zuvor entsprechende Bohrungen erhielt. Äpfel, Kuchen, Bilder, bunte Bänder, buntes Papier und in Schönschrift verfasste Neujahrswünsche sorgten für zusätzlichen Aufputz. Später kamen Christbaumschmuck und Süßigkeiten hinzu, und häufig wurde auch eine Kerze in das Arrangement integriert.

Die ‘Wäperraut’ war wohl ursprünglich wohl einfacher gehalten: In der Gegend von Lindern und Löningen wurden Äpfel auf eine entrindete Weidenrute gesteckt, diese wurde dann zu einem Reifen gebogen, der auf einen grünen Zweig von Tanne, Fichte oder Wacholder gebunden wurde. Auch hier gab es Kuchen und bunte Bänder als Zugaben.

Viele dieser bis zu 60 cm hohen Kunstwerke wurden selbst gefertigt; es gab aber auch professionelle Hersteller, handwerklich besonders geschickte Menschen, wie Holzschuhmacher oder Stellmacher. Als ‘Tunscherenkerle’ verdienten sie sich mit ihrer Handfertigkeit ein willkommenes Zubrot. Da Tunscheren gern aufgehoben wurden, fanden sie mitunter auch eine mehrfache Verwendung.

Und wie wurden die ‘Tunscheren‘ und ‘Wäperrauten’ überbracht?

Der Ablauf des Brauches variierte von Ort zu Ort, stimmte aber darin überein, das am Silvester-Abend je nach Ort eine ‘Tunschere‘ bzw. eine ‘Wäperraut’ als Geschenk in einen befreundeten Haushalt getragen wurde. Dies sollte möglichst unbemerkt und heimlich geschehen. Gelang dem ungebeten Gast sein Unterfangen, machte er sich mit dem Ausruf ‘Wäp! Wäp!’ bzw. ‘Tun! Tun!’ bemerkbar und nahm Reißaus. Ließ sich der Überbringer der Gabe nicht erwischen, gereichte ihm das zur Ehre. Anliegen des beschenkten Haushaltes war es aber, den Schenker zu ertappen, einzufangen und anschließend als ‘Strafe’ reichlich zu bewirten – zum Beispiel mit Tee und Neujahrskuchen, wie es aus Friesoythe überliefert ist.

Um die Gabe unbemerkt auf der Diele oder gar in der Küche abstellen zu können, musste mitunter lange auf einen passenden Augenblick gewartet werden, zumal die zu Beschenkenden sich häufig auf die Lauer legten, um den Schenker zu fassen. Um das Risiko einer ‘Gefangennahme’ zu minimieren, wurde an einigen Orten das dann gewiss weniger aufwendig gehaltene Geschenk kurzerhand ins Haus geworfen.

Andernorts wurde die Gabe sicherheitshalber einfach vor der Tür abgestellt, laut angeklopft und dann Fersengeld gegeben.

Und was geschah am Dreikönigs-Abend?

Der mit einer Tunschere beschenkte Haushalt revanchierte sich eine Woche später damit, dass er seinerseits eine Tunschere in den schenkenden Haushalt brachte.

Es scheint, dass anfangs die anders geformte Tunschere die Gegengabe zur am Silvesterabend verschenkten Wäperraut war. Doch verschliff sich der Unterschied zwischen Tunschere und Wäperraut im Laufe der Zeit in den meisten Orten. Es blieb nur ein Begriff übrig; die jeweils andere Bezeichnung geriet dann oft in Vergessenheit. An einigen Orten, wie Friesoythe, heißt die Gabe auch einfach nur nach dem Ausruf ‘Wäp-Wäp’.

Wer bekam denn früher einen Wäp-Wäp?

Beschenkt wurden Nachbarn, befreundete Familien und gute Bekannte. Auch sollen in älterer Zeit junge Männer ihren Favoritinnen Tunscheren als Zeichen ihrer Gunst verehrt haben, was angeblich dazu führte, dass manche junge Dame Tunscheren als Gradmesser ihrer Beliebtheit gesammelt haben soll. Erhielt der Schenker von seiner Herzensdame dann zum Dreikönigstag eine Tunschere zurückgeschenkt, war sein Werben erfolgreich.

Prächtige 'Tunschere' mit gekräuselten Weidenspänen

Prächtige ‚Tunschere‘ mit gekräuselten Weidenspänen

Bei allem Spaß, den dieser Brauch seinen Akteuren sicherlich bereitete, verfolgte dieses auf Gabe und Gegengabe beruhende Ritual einen höheren Zweck. Durch das gegenseitige Beschenken verpflichtete man sich einander, bekräftigte und befestigte so Verwandtschaft, Nachbarschaften, Freundschaften und Bekanntschaften. Brauchtypologisch handelt es sich um einen sogenannten ‚Heischebrauch‘, bei dem es darum geht, durch eine Handlung, eine Aktion Gaben zu erheischen, wie es z.B. auch bei Halloween der Fall ist. In einer Zeit, in der das Gegenseitig-aufeinander-angewiesen-sein von nah beieinander lebenden Menschen stärker ausgeprägt war als heute, schuf und bekräftigte der Brauch Gemeinschaft. So verwundert es wenig, dass der Brauch zuletzt vor allem von Kindern gepflegt wurde und schließlich fast ganz ausstarb.

Das Weihnachtsfest, das seit Ende des 19. Jahrhunderts auch bei Katholiken immer mehr zu einem Gabenfest mutierte, mag auch seinen Anteil daran haben, dass das Schenken von ‘Tunscheren‘, ‘Wäperrauten’ und ‘Wäp-Wäps’ zum Jahreswechsel zunehmend unattraktiv erschien. Inzwischen gibt es aber bewusste Aktivitäten zu seiner Wiederbelebung: So werden Kurse zur Anfertigung von Tunscheren gehalten, und verdienten Mitmenschen z.B. in Vereinen Tunscheren als besondere Anerkennung überreicht. In Kamperfehn hat sich sogar eigens ein ‘Wäp-Wäp-Club’ gegründet.

Und woher kommen diese merkwürdigen Bezeichnungen?

Die sprachliche Herleitung der beiden Begriffe ist nicht eindeutig geklärt. Ins Reich der Mythen ist schließlich die in der älteren Literatur aufgestellte Vermutung zu verweisen, dass der Brauch seine Wurzeln in germanisch-heidnischen Zeiten haben soll. Dafür gibt es einfach keine tragfähigen Belege.

So weit Dr. Michael Schimek vom Niedersächsischen Freilichtmuseum in Cloppenburg. Lesen Sie im letzten Teil: ‚Strackerjans Spekulationen‘!

Interview: Ruth Hoffmann

Photos mit freundlicher Genehmigung vom Museumsdorf Cloppenburg

Informationen: www.museumsdorf-cloppenburg.de

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One Response to Wäp-Wäp – Ein Experte klärt auf!

  1. Meggi 23. Januar 2017 at 20:22 #

    Wäre ja wunderschön, wenn der Brauch weiter getragen wird!! Es hat uns Kindern immer unheimlich Spaß gemacht!!
    Jetzt bin ich im Hunsrück und erzähle von diesem schönen Brauch!

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