Rom in vier Dimensionen

In Mode sind ja Reiseführer zum Abhaken: 100 Orte, die man gesehen haben muss, 1000 Dinge, die man ausprobiert haben muss . . . die ‚Big Five‘ die man auf einer Safari erlebt haben muss, Frankreichs fünf beste Weine und so weiter. In Wirklichkeit braucht man, um etwas Großartiges zu genießen, gründliche Vorbereitung. Denn um etwas Außergewöhnliches auch als außergewöhnlich wahrzunehmen, braucht es zweierlei: erstens Lebenserfahrung und zweitens Bildung.

Um sich das klar zu machen, muss man sich nur vorstellen, wie die Welt in den Augen eines Kleinkindes aussieht. Da ist alles neu, nichts ist gewöhnlich, kaum ein Eindruck mit einem früheren vergleichbar. Für den, der ganz neu in die Welt schaut, ist der Bach im Stadtpark ebenso eindrucksvoll wie die Niagarafälle. Ein Flug zum Mond wäre für einen Dreijährigen – subjektiv! – kein größeres Abenteuer als die erste Fahrt in der Eisenbahn.

Erst als Erwachsene mit gewachsener Erfahrung sind wir in der Lage, das Gewöhnliche vom Ungewöhnlichen zu unterscheiden. Leider verleitet das die meisten von uns dazu, immer neuen, immer erregenderen ‚Thrills‘ nachzujagen. Genauer gesagt: Eine geschickt agierende Vergnügungs- und Touristik-Industrie macht uns auf diese Weise von ihren Produkten abhängig.

Dies Buch hält dagegen! Es stammt aus einer Zeit, als die Menschen noch aus ganz anderen Motiven auf Reisen gingen. Der Text ist uralt. Im 12. Jahrhundert ist er erstmals belegt, aber niemand weiß genau, wann er entstanden ist. Sein Thema ist die ‚Ewige Stadt‘, die Metropole der Antike und des Mittelalters, Rom.

Natürlich kann man es nicht wie einen ‚Baedeker‘ oder Stadtplan einfach in die Hand nehmen und sich durch die Straßen des heutigen Rom lotsen lassen. Im Vorwort machen die Herausgeber das auch deutlich. Zitat:

‚In dem Text wird eine Stadt beschrieben, die so nicht mehr besteht. Wer heute auf der Via Nazionale im Stau steht oder auf der Piazza del Popolo im Café sitzt, kann sich die Mischung aus Schafweiden, baufälligen Kirchen und antiken Ruinen nicht mehr leicht vorstellen, die der Verfasser gesehen haben muss. Und doch hat Rom nicht aufgehört, Rom zu sein, und Vieles, was man im hohen Mittelalter bestaunen konnte, ist bis heute zu sehen – freilich oft überformt, entstellt, gewachsen, verändert. Man muss es nur sehen wollen…“

Doch mit dem Wollen ist es wie mit dem Suchen: Man muss eine Vorstellung haben vom Gewollten wie vom Gesuchten. das setzt Informationen voraus.

Die vier Autoren machen recht deutlich, wie sie sich den Nutzen ihres ungewöhnlichen Rom-Führers vorstellen. Er soll nämlich „den drei Dimensionen des städtischen Raumes die vierte Dimension der Zeit hinzufügen“.

Die Autoren und Herausgeber sind alle vier Gelehrte: Gerlinde Huber-Rebenich (Jg. 1959) lehrt Lateinische Philologie und Katharina Heyden (Jg. 1977) Kirchen- und Theologiegeschichte, beide an der Universität Bern. Martin Wallraf (Jg. 1966) ist Professor für Kirchen- und Theologiegeschichte in Basel; Thomas Krönung (Jg. 1976) lehrt Evangelische Religion und Geschichte in Flörsheim am Main.

30931-N_Walraff_Mirabilia-Rom_V3_fin.inddDies ist nach Angaben der Herausgeber die erste komplette deutsche Übersetzung des Klassikers. Sie liefert parallel nicht nur den lateinischen Originaltext, sondern auch eine ausführliche Einleitung, reichlich erklärende Anmerkungen und viele Bilder, die helfen, das Gesuchte tatsächlich auch in Rom zu finden.

Latein ist keine Voraussetzung, um mit diesem Buch etwas anzufangen. Wohl aber die Bereitschaft zu lernen und mit Hilfe des Gelernten die Dinge mit neuen Augen zu sehen.

Text: Jan-Peder Lödorfer

Cover-Photo mit freundlicher Genehmigung des Verlags

Informationen: www.herder.de

Mirabilia Urbis Romae – Wunderwerke der Stadt Rom; Die ‚Mutter‘ aller Romführer – lateinisch-deutsch
176 Seiten, 25 Abbildungen, Leinen
Verlag Herder, Freiburg
€ 26,00 (D) | € 26,80 (A) | CHF 36,50
ISBN 978-3-451-30931-1
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