Was in der Luft liegt

fifty2go: Herr Kaminer, Sie haben inzwischen 18 Bücher geschrieben. Wieviele Geschichten schreiben Sie am Tag?

W.K. Ich schreibe vielleicht eine Geschichte in der Woche. Aus meiner Sicht muss jede Woche etwas passiert oder mir widerfahren sein. In der Woche hat der Mensch doch schon etwas gesehen der erfahren, was er vielleicht nicht verstanden hat. Ich versuche zu begreifen, was in der Woche eigentlich los war mit mir oder mit den anderen, mit der Welt.

fifty2go: Sie sind ein genauer Beobachter?

 

Wladimir Kaminer vor dem Publikum

W.K. Manchmal sind das aber ungeschriebene Geschichten. Sie liegen dann nur – wie ein Teile eines Puzzles – zum Sammeln. Manche Teile passen dann nach Jahren plötzlich zusammen. Bücher kommen nach Jahren erst zusammen. Ich schreibe immer an mehreren Projekten gleichzeitig.

fifty2go: Aber noch kein großes Buch, den großen Roman?

W.K. Sicher möchte ich, um die Authentitizität zu bewahren, zu jeder literarischen Form kommen. Aber jede dieser Formen enthält auch eine Künstlichkeit, auch der Roman. Das leben ist kein Roman. Ich möchte ja das Leben begreifen, das Leben erfassen.

fifty2go: Was los ist mit der Welt.

 

Ein Gebet vielleicht…

W.K. Ja, aber ich glaube, eine Art – – Gebet zum Beispiel wäre doch eine richtige Form –

fifty2go: Oder ein Gedicht?

W.K. Ein Gedicht ist etwas, das am Stück aus dem Dichter kommt. Ich schreibe Prosa. Ich kann das nicht so am Stück. Ich kann das Grundgefühl besitzen wie ein Dichter. Aber um dieses Grundgefühl auf Papier zu bringen, brauche ich mehr Zeit und mehr Worte. Für mich war ein solches Gebet ‚Militärmusik‘. Das ist ein Buch, in dem sehr viel gepasst hat. Obwohl es zeitlich eigentlich nur ein paar Jahre umfasst. Und jetzt bin ich gerade dabei, so einen Pseudo-Roman fertig zu bekommen, wo in einer sehr kurzen Nacht in einem Streifzug durch Berlin eine große Geschichte erzählt wird.

Das Neue ist nur anders.

W.K. Jetzt.

fifty2go: Jetzt.

W.K. Das ist diese Baustelle einer Neuen Welt, die angeblich kommen muss, von der noch keiner weiß. Jeder weiß und beweint das untergehende Deutschland oder das untergehende Europa. Nur der Faule spricht nicht von den europäischen Werten, die nicht mehr vorhanden sind, oder von Deutschland, das sich abschafft. Klar, das sind alles Realien, aber auch dieses Neue – was jetzt kommt, was eigentlich entsteht, was keinesfalls schlechter, einfach nur anders sein wird – von diesem Neuen ist noch so wenig zu sehen, und ich bin auch blind im Grunde genommen, aber ich bilde mir zumindest ein, etwas zu merken, was schon in der Luft liegt.

in Puzzle von Beobachtungen

 

 

W.K. Ob ich Berlin liebe? Also ich wohne dort sehr gern.

fifty2go: Sie wollten doch mal Regierender Bürgermeister werden.

W.K. Ich wünschte dieser Stadt mehr Politik. Ich möchte natürlich nicht meinen Job als Geschichtenerzähler gegen einen langweiligen Bürgermeisterposten tauschen, aber –

fifty2go: Sie wären bestimmt nicht langweilig als Regiernder Bürgermeister. Was würden sie anders machen?

W.K. Ich glaube, ehrlich gesagt, dass ein Bürgermeister natürlich verhindert ist, sich mit der Realität seiner Stadt auseinanderzusetzen. Weil er eben verpflichtet ist, seinem Parteiprogramm, seinem Parteibuch, seinen Parteifreunden und Koalitionen. Das sieht man auch in Berlin. Im Grunde genommen ist Berliner Politik, dass man sich viel mehr bemüht um das Außenbild von Berlin, es attraktiver für Touristen zu machen, für Investoren. Nur nicht für die Berliner selbst. Die Bürger werden vernachlässigt. Jetzt haben Touristen alle eine Bleibe in Berlin und billiges Essen und so weiter. Aber die Einwohner nicht. Ich hätte das natürlich anders gemacht. Ich hätte eher auf Einwohner gesetzt als auf Touristen. Ob die Touristen kommen oder nicht, sie sind wie Gänse. Mal kommen sie, mal fliegen sie weiter.

fifty2go: Fühlen sie sich eigentlich seelenverwandt mit Kishon?

Jede Woche eine Geschichte

W.K. Ich habe ihn kennengelernt mit ‚Blaumilchkanal‘. Das war tatsächlich etwas Kleines, in dem man etwas Großes sehen kann. Viel später sah ich dann Bücher von zwei-, dreitausend Seiten, wo nur Kleinigkeiten geschrieben wurden. Der Inhalt des Portemonnaies meiner Frau … wen interessiert das? Der hat sich die Seele ausgeschrieben. Und das ist für mich ein Zeichen von Spießigkeit. Spießigkeit ist nichts anderes als etwas Kleines, das als Großes erscheinen will. Und ich will eigentlich umgekehrt das Große im Kleinen wecken.

fifty2go: Sie erwähnen in einer Geschichte Ihren Großvater, der einen Witz erzählt: Drei Tage vor der Sintflut… Wie geht der Witz zuende?

W.K. Das haben sie nicht kapiert? Eigentlich war der Witz ja zuende.

fifty2go: Der Rebbe sagt: ‚Wir haben drei Tage, um zu lernen, wie man unter Wasser lebt.‘

W.K. Das ist eine sehr spannende Aufgabe. Eine große Herausforderung.

Ruth Hoffmann und Jan-Peder Lödorfer (Interview)
repor-tal (Photos)

 

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sind Sie ein Mensch? *