Wo Bürger wie Fürsten feiern

Elberfeld 1896 – das ‚Manchester des Kontinents‘ boomt. Maschinenbau- und Textilindustrie haben eine Revolution ausgelöst. Zusammen mit Barmen ist Elberfeld zur größten Industriestadt Westdeutschlands mit mehr als 200.000 Einwohnern herangewachsen (im Ruhrgebiet grasen noch die Kühe). Fabrikanten und Bankiers legen einen Lebensstil an den Tag, der die Fürsten der Feudalzeit neidisch gemacht hätte. Doch es fehlt ein wirklich repräsentatives Gebäude für glanzvolle Bälle, Konzerte und Gesellschaften, ein Rahmen, in dem die feine Gesellschaft sich selbst richtig groß herausbringen kann. Die bürgerliche Hautevolee im Wuppertal greift tief in die Tasche. Ein Viertel der Bausumme von 700.000 Reichsmark kommt von privaten Sponsoren. Am Ende kostet der Bau 1,7 Millionen Goldmark – eine astronomische Summe damals.

Die Ausschreibung des Architektenwettbewerbs lässt keinen Zweifel: Hier wird geklotzt. Gefordert ist ein Hauptsaal von tausend Quadratmetern, Speise- und Nebensäle von mindestens 800 Quadratmetern mit Wirtschaft und Küche für mindestens 600 Gäste.

Rahmen für Großbürgers Glanz und Gloria: Großer Saal, Galerien, Lüster

Nach der Eröffnung ist in der Presse denn auch die Rede von einem „imposanten, im Äußeren wie Innern gleich vornehmen Monumentalbau, der alles in seiner Art in Rheinland und Westfalen Geschaffene übertrifft.“ Musiker sind begeistert: Die Akustik im Großen Saal kann sich mit den besten in Europa messen, dem Saal des Wiener Musikvereins, dem Leipziger Gewandhaus und dem Amsterdamer Concertgebouw. Die Elberfelder Stadthalle zieht Spitzenmusiker und Ensembles aus dem ganzen damaligen Reich an. Dirigenten wie Richard Strauss und Paul Hindemith geben sich hier die Ehre.

Der monumentale Bau übersteht sogar nahezu unbeschädigt den Bombenhagel des zweiten Weltkriegs, der ein Großteil von Elberfeld ausradiert. Doch in den 1950er Jahren gehen Sanierer zu Werke, denen alles Prächtige zuwider, aller Zierrat ein Gräuel ist. Stuck und Schmuck werden radikal weggestemmt, Wandgemälde brutal übertüncht oder abgekratzt. Die berühmte Sauer-Orgel landet auf dem Schrotthaufen. Zeitzeugen erinnern sich mit Grausen daran, wie mitten im Parkett ein Bagger zu Werke ging.

Vo Krieg verschont, vom Bildersturm der 1950er riuniert, heute wieder Musentempel mit Flair

Der geschändete Musentempel wird Mehrzweckhalle, für Box- wie für Wahlkämpfe, für Oper wie Zirkus. Wo ehedem Richard Strauss den Taktstock schwang, setzt jetzt mal ein Elefant seinen dampfenden Haufen ab. Der Niedergang ist programmiert. In den 1960er Jahren fordern Stadtplaner den endgültigen Abbruch der Beinah-Ruine. Doch die Abrissbirne schrammt haarscharf an ihr vorbei.

Erst Ende der 1970er Jahre kommt die Wende: Alte Photos tauchen auf, die das vergessene Flair der Belle Epoque mit Wehmut wieder wachrufen. Die Kinder des Wirtschaftswunders sind gerührt und beschließen, noch einmal in öffentliche und private Taschen zu greifen, fast ebenso tief wie ihre Urgroßeltern. Für 82 Millionen D-Mark beginnt 1991 die Sanierung. Viele Bausünden der ersten Nachkriegsjahre stellen sich erst jetzt heraus, zum Beispiel, dass die Deckengemälde des großen Saals nicht bloß übertüncht, sondern mit einer Lötlampe weggebrannt wurden. Ein französischer Experte wird engagiert, um neue Deckengemälde zu entwerfen. Man entscheidet sich für einen blauen Himmel mit Wolkentupfern.

Attraktion für Musikfans: Die riesige Konzertorgel. Am Spieltisch: Der Konstrukteur

Die kosmetische Operation verläuft nicht ohne Krisen: Noch kurz nach der Wiedereröffnung produziert die Brandmelde-Anlage einen Fehlalarm, die flammneue Orgel ertrinkt im Löschwasser der Sprinkleranlage. Doch dank der Spendenbereitschaft millionenschwerer Mäzene sind diese Katastrophen heute Geschichte. Seit ihrer Wiedereröffnung im Jahr 1995 gehört die nunmehr ‚Historische Stadthalle Wuppertal‘ wieder zu den ersten Adressen. Star-Musiker wie Nigel Kennedy, Daniel Barenboim und Giora Feidman lieben das Ambiente und die Akustik ebenso wie Fans des Tango Argentino. Gäste aus aller Welt empfinden Glanz und Glorie vergangener Zeiten.

Aber auch die Modernität des Gebäudes ist erkennbar. Um den rund 450 Veranstaltungen pro Jahr mit rund 300.000 Gästen gerecht zu werden, wurde eine moderne Infrastruktur eingebaut: Garderoben, Toiletten, Aufzüge, Beschallung, Beleuchtung, Bühnentechnik, Tiefgarage. Die Technik ist geschickt in Säulen und hinter Schalungen verborgen. Der Solinger Licht-Designer Johannes Dinnebier hat für jeden Raum spezielle Leuchten, Kandelaber und Strahler entworfen; sie greifen die Architektur der Räume auf; das Licht verbindet alte und neue Stilelemente.

Nobler Empfang: Säulenfoyer, Stilmöbel Kassenhäuschen

Die Stadthalle war schon immer durch einen Stil-Mix quer durch die Epochen geprägt. Das Foyer mit seinen mächtigen Granitsäulen empfängt uns im Wiener Jugendstil. Passiert man die wilhelminischen Kassenhäuschen zum Großen Saal, tauchen wir in die Atmosphäre der Neo-Renaissance. Hinter der Bühne, die in mehreren Ebenen angehoben werden kann, prangt der Prospekt der Konzertorgel. Ihr Konstrukteur, der Wuppertaler Professor Hans-Joachim Oehm, führt  ihre 4688 Pfeifen gelegentlich sogar persönlich vor. Zu den eindrucksvollsten Effekten gehört das sogenannte Fernwerk: ein Satz Orgelpfeifen, die über der hohen Decke des Saals montiert sind. So scheint ihr Klang aus der Weite des Himmels zu kommen. Auch ein Glockenspiel ist oben eingebaut. Die Wirkung während eines Konzertes oder einer Oper kann man sich vorstellen. Im Kino hat erst die Dolby-Surround-Technik ähnliche Effekte ermöglicht. Mit dem Klangspektrum und der Dynamik der Konzertorgel können aber selbst die besten Lautsprecher nicht konkurrieren. Und dass die Anordnung der Pfeifen sich an der St. Paul’s Cathedral in London orientiert, mag ein Indiz dafür sein, in welcher Liga dieses Instrument spielt.

Marmor, Blattgold, Mahagoni wohin das Auge blickt

Sieben weitere Säle präsentieren sich in einem jeweils anderen Stil. Schlicht gehalten zum Beispiel der Offenbach-Saal, der früher auch einfach Weißer Saal genannt wurde. Zwei Majolika-Kabinette flankieren den Mendelssohn-Saal. Riesige Kachelflächen lassen die Bilder nahezu spiegeln. Die antiken Motive wurden dabei auf bereits gebrannte weiße Kacheln gemalt, die danach ein zweites Mal gebrannt und erst dann auf die Wand aufgebracht wurden. Vierzig verschiedene Blütenranken zeigt die Bauernmalerei im Rossini-Saal des Restaurants. Das hat allerdings zur Zeit nicht ständig geöffnet, sondern nur in Verbindung mit Veranstaltungen, zu seinen Specials mit Musik oder – ganz neu den ‚Kriminalmählern‘, bei denen die  speisenden Gäste nebenbei Detektiv spielen können. Zum Garten hin wurde eine lichtdurchflutete Wandelhalle angebaut, die den Blick von oben auf das Zentrum von Elberfeld freigibt.

Fassaden-Detail: Musen, Masken, Ornamente

Die Historische Stadthalle Wuppertal gilt jetzt wieder als eine der 21 größten und schönsten Festhallen Europas, steht mit Häusern in London, Athen oder Wien auf einer Liste der „Historic Conference Centers of Europe“. Die Stadt hat sie einer Betriebs- und Veranstaltungsgesellschaft mbH anvertraut. Und wenn man deren Geschäftsführer Holger Kruppe heute nach der schönsten Konzerthalle Europas fragt, dann klingt zweifellos der Bürgerstolz der ‚Goldenen Zwanziger Jahre‘ wieder auf: „Wir werden vielleicht von der Wiener Hofburg übertroffen – aber die Historische Stadthalle Wuppertal (hinter den sieben Bergen) klingt tausendmal schöner. . . “

Ruth Hoffmann (Text)

repor-tal (Fotos)

Anschrift: Johannisberg 40, 42103 Wuppertal

Telefon: 0202 / 24 58 90

Informationen: www.stadthalle.de

 

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