Termine bis zum
jüngsten Gericht

Dola Indidis, so heißt der Anwalt aus Kenia, hat eine Sammelklage vorbereitet, bei der nicht nur antike Potentaten wie Kaiser Tiberius, König Herodes und Statthalter Pontius Pilatus wegen des Mordes an Jesus angeklagt sind, sondern auch Italien und Israel, die  – so der Anwalt – das seinerzeit gültige römische Recht auch in ihr aktuelles Rechtssystem eingegliedert hätten. Als Beweismittel will er das Neue Testament vorlegen.

Nun hat sich der ICJ in den Haag allerdings für unzuständig erklärt, da es sich nicht um einen zwischenstaatlichen Konflikt handele. Man hätte im konkreten Fall auch in Zweifel ziehen können, ob der Tatbestand des Mordes überhaupt verwirklicht wurde; denn das Opfer ist ja ausweislich der vorgelegten Beweismittel (’secundum scripturas‘) anschließend wieder auferstanden.

Aber davon abgesehen: Man stelle sich einmal vor, welche Prozesslawine der Anwalt aus Zentralafrika ausgelöst hätte, wäre die Sache vom Gericht zur Entscheidung angenommen worden!

Sämtliche Tötungsdelikte, welche die Menschheit im Lauf der Jahrtausende mündlich oder schriftlich überliefert hat, wären plötzlich justiziabel! Angefangen von der Mordsache ‚Kain zum Nachteil des Abel‘ – und hier würde allein schon die Frage des Tatorts Hunderte von Gutachtern über viele Jahre beschäftigen…

Wieviel kriminelle Energie – und damit juristisches Betätigungsfeld – bereits ein einziges Opernwerk offenbart, hat schon der große Rechtsgelehrte Ernst von Pidde dargelegt in seiner kleinen Abhandlung: ‚Der Ring des Nibelungen im Lichte des deutschen Strafrechts‘.

Und was ist Wagner erst gegen Shakespeare! Dänemark müsste sich als Rechtsnachfolger von Hamlet verantworten, England für Richard III. und – zumindest solange die Schotten noch nicht wieder unabhängig sind – auch für Macbeth.

Stoff für viele spannende Verhandlungstermine bietet auch die Frage, ob das Kidnapping eines Teenagers Namens Helena den Überfall auf Troja wirklich rechtfertigen konnte. Vielleicht bringt – ich bin ja kein Jurist – ein Anwalt diese Sache mal vor den ICJ. In dem Fall kann das Gericht sich nämlich nicht damit herausreden, dass es sich nicht um einen ‚zwischenstaatlichen Konflikt‘ handele! Und vor Eintritt in die Hauptsache wäre erst noch zu klären, ob die Türkei als Nebenklägerin zugelassen wird.

Schorsch Bonks

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