Drei Widerspenstige und keine Zähmung

Drei Seelen in Käthchen nehmen den Kampf mit dem sich wild gebärdenden Petruchio auf.

In jedem Menschen schlummern unterschiedliche Seelen, so natürlich auch in den Charakteren von Shakespeares The Taming of the Shrew. Eine Tatsache, die Regisseur Stanislaw Barańczak sich für die Inszenierung des Stückes beim Teatre Papahema aus Bialystok (Polen) zur Aufgabe gestellt hat – eine Herausforderung an das Neusser Festival-Publikum.

 

Das in der heutigen Zeit überholte Stück von William Shakespeare über die ‚Zähmung der Widerspenstigen‘ mit einer zeitgemäßen Botschaft neu zu inszenieren, ist sicher immer ein Kraftakt. Entweder spielt man es klassisch und nimmt es als das, was es ist: eine Komödie – oder man begibt sich auf sehr schweres Terrain.

Das Ensemble des Teatre Papahema hat diesen Schritt gewagt: Baptista zeigt intime Gefühle gegenüber seiner Tochter Bianca, Petruchio ist homosexuell, Bianca ist mitnichten so brav wie sie tut und Katharinas Herz ist gleich dreigeteilt.

Zeitweilig übernimmt Petruchios Diener Grumio zwei Käthchen.

Letzteres verschafft dem Publikum das Vergnügen, drei Katharinen agieren zu sehen. Das ist zunächst irritierend; denn die von Regisseur Barańczak vorgegebene Interpretation dreier Arten von Sinnlichkeit und dreier Arten von Weiblichkeit kommt im ersten Teil der Aufführung nicht beim Publikum an. Erst zum Ende hin löst sich das Rätsel um die drei Käthchen. Die vermeintlich emanzipierte Frau gibt sich ungezügelt ihrer Sexualität hin und betrügt ihren Mann Petruchio, den sie mit ihrem zweiten Ich aber auch liebt, während Käthchen Nummer Drei kurzerhand selbst das Kommando übernimmt und Ehemann Petruchio sein Coming out genießt.

Verkehrung der Rollen: Katharina übernimmt die Herrschaft, Petruchio hat sein Coming out und spricht Käthchens großen Schlussmonolog.

Schwer ist es, diesen Verwicklungen zu folgen, wenn man die deutschsprachigen Obertitel zu der polnischen Aufführung lesen muss. Dabei entgeht ein Teil des Bühnenspieles unweigerlich der Aufmerksamkeit, zumal die Übertitel nicht immer den agierenden Personen zweifelsfrei zugeordnet werden können.

Die beachtliche Leistung der Schauspieler war wegen dieser schwierigen Inszenierung für nicht Polnisch sprechende Zuschauer nicht ganz zu würdigen. Der verdiente Applaus wurde dennoch reichlich gespendet. 

Text: Ruth Hoffmann

Photos mit freundlicher Genehmigung von Pro Classics, © Christoph Krey

Informationen: www.shakespeare-festival.de

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sind Sie ein Mensch? *