Voran gehen auf unsicherem Boden

© Christoph Krey

Das Neusser Shakespeare-Festival ist Jahr für Jahr ein Ereignis, das mit seinem internationalen Programm Besucher aus der gesamten Republik und auch den Nachbarländern anlockt. In wenigen Tagen startet der Vorverkauf.

Dr. Rainer Wiertz © Christoph Krey

Zum 28. Mal hat Dr. Rainer Wiertz, Kulturreferent der Stadt Neuss, ein Programm eingekauft, das in seiner Vielfalt spannende Shakespeare-Interpretationen verspricht. „Dass Shakespeare immer noch fasziniert, liegt daran, dass seine Themen und Motive einfach überzeitlich sind“, erklärt der begeisterte Shakespeare-Experte. „Seine Stücke vermitteln einen Mut, den wir heute nicht mehr so spüren. Gesellschaftliche Prozesse können in unsere Zeit übertragen werden, oder auch in jeder andere Zeit. Das Motto Moving forward on shifting ground kennzeichnet Shakespeares Stücke ebenso wie unsere Zeit.“

 

Eröffnet wird das Shakespeare-Festival in diesem Jahr aber nicht mit einem Stück des englischen Autors, sondern von seinem Landsmann Mike Bartlett. Die bremer shakespeare company (bsc) zeigt King Charles III., ein Stück aus der Zukunft. Queen Elizabeth ist tot und ihr Sohn muss mehr oder weniger unfreiwillig den Thron besteigen, während seine Söhne überlegen, wie sie ihn eventuell überholen können. Diana spukt aus dem Jenseits über die Bühne. Eine Aufführung, die viel Spaß verspricht, aber auch kritische politische Ansätze hat. In Bremen zeigt die bsc das Stück seit der Premiere 2016 mit großem Erfolg.

King Henry V. ist ein geradezu frischer Import aus England. Die Company Shakespeare at the Tobacco Factory aus Bristol feiert im April Premiere mit dem Stück. „King Henry V. ist ein Appell an die Phantasie der Zuschauer: ein Baum auf der Bühne stellt einen ganzen Wald dar, ein Reiter ein ganzes Heer. Das macht den konträren Reiz zu den heute so perfekt realistischen Filmen aus“, erklärt Wiertz.

Petra-Janina Schultze und die Mellow Melange

Mellow Melange ist eine fünfköpfige Band, die Shakespeare-Sonette unter dem Titel Nimm mich hin. Dein Will! vertont hat. Rezitiert werden die Sonette von Petra-Janina Schultz, Mitglied der bremer shakespeare company. Wer könnte besser diese Gedichte vortragen?

Die Theaterachse aus Salzburg zeigt Der Sturm in märchenhafter, musikalischer Inszenierung. Das Stück ist besonders für Kinder und Jugendliche geeignet.

 

Theaterachse Salzburg © Chris Rogl

Aktueller denn je ist Der Kaufmann von Venedig, von Shakespeare als Komödie geschrieben, aber durch die deutsche Geschichte politisch schwierig wegen der Juden-Darstellung. Die Shakespeare Company Berlin bezeichnet ihre Inszenierung deshalb als dark comedy. „Ich bin überzeugt, die Berliner haben da eine gute Balance gefunden“, meint Rainer Wiertz.

Der Kaufmann von Venedig © Ingo Woesner
Queens © Britt Schilling

Besondere Unterhaltung bietet Bea von Malchus mit ihrem Queens – You can’t always get what you want! Ein Parforceritt durch den Kampf um den britischen Thron zwischen Elizabeth I. und Mary Stuart und den involvierten Herrscherinnen Bloody Mary, Catherine Parr, Lady Jane Grey, Marie de Guise und Caterina de Medici. Bea von Malchus spielt alle Rollen in ihrer speziellen unvergleichlichen Art mit viel Witz, sitzend auf einem Hocker auf der Bühne. Zum ersten mal singt sie auch.

© The HandleBards

Twelfth Night (Was ihr wollt), die amüsante Komödie rund um die zwölfte Nacht nach dem Weihnachtsabend, zeigen die HandleBards aus London. „Die jungen Leute zeigen, was Shakespeare Stücke können und auch aushalten“, lacht Wiertz voll Vorfreude. „Sie bringen das Komödiantische an die Oberfläche.“

Eine „Überraschungsparty“ (Rainer Wiertz) wird der Auftritt der Company Globe on Tour aus London. Das Publikum soll die Wahl haben, welches Stück aufgeführt wird. Es kann sich zwischen The Merchant of Venice, The Taming of the Shrew und Twelfth Night entscheiden. „Wie das genau vor sich gehen wird ist noch nicht bekannt“, erklärt Wiertz. „Aber es hat sich solch eine Tradition entwickelt in der Zeit, als die Theater geschlossen wurden und die Ensembles auf Tour gingen.“ Lassen wir uns überraschen!

 

Auch Romeo y Julieta fehlt in diesem Jahr nicht. Ihr Debüt in Neuss gibt das Projecte Ingenu aus Barcelona mit dem Stück. Ihr minimalistisches Bühnenbild zeigt sich wandelbar und Phantasie anregend: ein Kasten, oben mit losen Brettern belegt, wird je nach Szene zum Balkon, zum Bett, zur Kirche oder zum Sarg; die losen Bretter können mal Schwerter oder auch Pferde sein.

 

Das Flute Theatre bietet ebenfalls Twelfth Night. Regisseurin Kelly Hunter schließt sich damit an ihre vorherige Inszenierung des Hamlet an. Die ertrunkene Ophelia steht als gerettete Viola am Strand von Illyrien wieder auf. „Eine zeitgenössische Inszenierung, die Hand und Fuß hat“, so Rainer Wiertz.

Othello © Marco Piecuch/Pi-Pix

Auch das Rheinische Landestheater darf bei den Festspielen in Neuss nicht fehlen. Othello ist diesjährige Herausforderung an das Ensemble. Michael Meichßner interpretiert den Jago, die zentrale Figur im Othello, die subtil die Geschicke der Protagonisten lenkt.

Taming of the Shrew © Bartek Warzecha

Shakespeare auf polnisch bringt das Teatre Papahema aus Bialystok. TheTaming of the Shrew in moderner Fassung: zeitweilig sind drei Kates gleichzeitig auf der Bühne – und ein außergewöhnlicher Petruchio. Er symbolisiert einen Mann mit extravagantem Lebensstil, der keinen Wert auf die Herauskehrung seiner Männlichkeit legt, neudeutsch er ist ein Metrosexualist. Eigentlich will er nur die Mitgift, aber das Spiel nimmt seinen Lauf…

Erstmals beim Neusser Festival wird ein Film im Globe gezeigt: Hamlet von 1921 mit der legendären Asta Nielsen. Der Stummfilm wurde von Michael Riessler musikalisch neu untermalt. In Neuss wird der Komponist und Klarinettist zusammen mit seinem Sohn Lorenzo den Film live begleiten.

 

Patrick Spottiswoode © Christoph Grey

Was The Mousetrap in London ist, ist Patrick Spottiswoode in Neuss. Wer ihn noch nie erlebt hat, sollte sich Shakespeare and the Globe keinesfalls entgehen lassen. Seine Lecture ist nicht nur lehrreich, sondern vor allem witzig und geistreich.

Aus Chicago reisen die Q Brothers mit ihrem Stück Q Gents an, das auf Two Gentlemen of Verona basiert. Mehr als zwanzig Rollen spielen die beiden alleine in ihrer 75-minütigen Hip-Hop-Version.

Im Rahmenprogramm gibt es wieder den Kinder-Shakespeare-Tag am 1. Juli (es gibt nur hundert Plätze), Die Globe Neuss Education und Shakespeare im Kino.

Der Vorverkauf startet am 17. März (für den Kinder-Shakespeare-Tag am 19. März). 36 Veranstaltungen mit 14 Compagnien stehen zu Auswahl. Wie immer heißt es: Wer Karten möchte, sollte sich schnell entscheiden. Rund 15.500 Besucher lockt das Festival jährlich snach Neuss aus rund 150 Städten und Kreisen.

Text: Ruth Hoffmann

Photos mit freundlicher Genehmigung von Pro Classics

Informationen: www.shakespeare-festival.de

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