Nieder- oder Sachsen?

Wer sind die Niedersachsen? Dieser Frage spürt Babette Ludovici in dem von ihr herausgegebenen Band nach. Der Katalog Saxones ist zur Niedersächsischen Landesausstellung 2019 erschienen. Er handelt aber nicht allein von der Geschichte des 1949 gegründeten Landes Niedersachsen, sondern reicht weit in die europäische Frühgeschichte hinein.

Erst am 1. November 1949 entstand das Land Niedersachsen, indem das Land Hannover mit den Freistaaten Braunschweig, Oldenburg und Schaumburg-Lippe zu einem Bundesland zusammengeschlossen wurde. Und so sehen sich die Niedersachsen noch heute, als Hannoveraner (bitte nicht ‚Hannoweraner‘, das sind die Pferde), als Braunschweiger, als Oldenburger oder Schaumburger, nur nicht als Niedersachsen. Nun sollte man natürlich auch Franken nicht las Bayern oder Rheinländer als Westfalen bezeichnen. Da fehlt allgemein das Zusammengehörigkeitsgefühl.

Aber mit der diesjährigen Landesausstellung wird das Thema Saxones, so nannten die Römer diesen Teil der Germanen, in den Fokus gerückt. Dr. Babette Ludowici, Leiterin der Abteilung Archäologie am Braunschweigischen Landesmuseum, hat zu der Schau einen ganz besonderen und umfassenden Katalog zusammengestellt. Der rund 400 Seiten starke Band umreißt das Leben der Sachsen von Römerzeit bis zum 10. Jahrhundert, also rund tausend Jahre.

Allein der Begriff ‚Sachsen‘ im historischen Sinne hat nichts mit dem heutigen Bundesland zu tun – geschweige denn mit deren Sprache. Woher sie kamen ist auch in der Wissenschaft strittig: zurück von der britischen Insel, also Briten mit Hang zu Europa, oder kamen sie erst als Piraten dorthin und belebten zusammen mit den Angeln das englische Blut? – Egal! Fest steht, die Sachsen waren reiselustig und handelsfreudig. Sie lebten schließlich jahrhundertelang an den Schnittstellen des europäischen Handels. Und das nicht schlecht, wie zahlreiche Grabfunde mit ihren Beigaben bezeugen.

Das Gebiet der Sachsen umfasste aber nicht alleine Niedersachsen, sondern auch noch weite Teile von Westfalen, Sachsen-Anhalt und auch Thüringen. Die Grenzen heute haben sich nur ein wenig verschoben. Die Römer hatten diesem Teil rechts des Rheines den Namen Saxonia gegeben.

Der Katalog beschreibt jedes Jahrhundert einzeln. In spannenden Kapiteln wird das Leben dieser Gruppe nachvollzogen. Insbesondere die Grabbeigaben haben den Wissenschaftlern Aufschluss über sächsische Kultur und Lebensweise gegeben. Allen Autoren ist es gleichermaßen gelungen, ihre Themen spannend und verständlich aufzuarbeiten. Egal welches Kapital man aufschlägt, schon die ersten Sätze ziehen den Leser in die Geschichte hinein, so aufschlussreich können historische Fakten sein ohne zu langweilen.

Dieses Buch ist ein Muss für jeden der sich auch nur ansatzweise für das leben der Saxones von den Römern über den Sachsenkönig Widukind bis hin zur Geschichtsschreibung Widukinds von Corvey interessiert. – Die beiden Widukind sind nicht identisch, auch wenn der Sachsenherzog vermutlich von Karl dem Großen in das Kloster Reichenau verfrachtet wurde, hat er nichts mit dem Mönch aus Corvey gemeinsam, außer dem Namen. Wer es genauer wissen möchte, sollte sich den Katalog anschaffen sich aufs Stöbern freuen…

Text: Ruth Hoffmann

Cover mit freundlicher Genehmigung von wbg Theiss

Informationen: www.wgb-wissenverbindet.de

Babette Ludowici (Hg.): Saxones
wbg Theiss, 400 Seiten,280 farbige Illustrationen, Hardcover mit Schutzumschlag
35 Euro
ISBN 978-3-8062-4005-4

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