Semester für Ältere: Bologna, Studieren und die Alten

Professor Dr. Erwin Wagner ist unter anderem Experte für das Gasthörer-Studium. Er selbst hat Mathematik, Physik, Erziehungs- und Sozialwissenschaften an der Universität Tübingen studiert. Seit 1985 forscht und lehrt er an der Uni Hildesheim* und beobachtet den Wandel der Studienkultur an deutschen Universitäten. Selbst gehört er zur Generation der ‚68er’ und  muss sich heute mit den Folgen der Vereinbarungen von Bologna auseinandersetzen, die ein EU-weit einheitliches System von Studienabschlüssen zum Ziel haben. Sie betreffen nicht nur junge Leute, die mit dem Studium berufliche Ziele verfolgen, sondern auch ältere, bei denen die Bildung an sich im Vordergrund steht.

fifty2go: Seit wann gibt es das Gasthörer-Studium an deutschen Hochschulen?

Wagner: Traditions-Universitäten wie zum Beispiel Tübingen hatten eigentlich schon immer ein Gasthörerstudium. Es ist ja auch im Interesse der Universitäten, ihre großen Denker vor einem breiten Publikum bekannt zu machen. Aktuelle Themen und bekannte Köpfe ziehen Besucher an. Teilweise gibt es regelrechte Fan-Groups.

fifty2go: Stehen Gasthörern an den Universitäten denn alle Veranstaltungen offen?

Wagner: Das hat sich mit der Bologna-Reform stark geändert. Die Tendenz steigt, dass Dozenten einfach keine Gasthörer mehr in ihre Seminare aufnehmen können. Die Anforderungen an die Studierenden und die Lehrenden sind strenger geworden. Die knappe Zeit muss dann für regulär Studierende genutzt werden. Sie haben den Vorrang, weil sie ja in gewisser Weise in ihrer Berufsausbildung sind und ihren künftigen Broterwerb erst noch sichern müssen.
Es gibt auch sehr unterschiedliche Gasthörer. Da haben wir diejenigen, die recht still sind und sich einfach darüber freuen, etwas zu lernen; dann gibt es welche, die sehr gerne diskutieren; und es gibt unter Umständen Zeitzeugen, die sich gerne mit Ihren Erfahrungen einbringen möchten – das kann unter Umständen für den Dozenten sehr anstrengend sein, da er ja sein Lehrpensum auch schaffen muss. Deshalb entscheidet letztlich bei uns jeder Lehrende selbst, ob und wie viele Gasthörer er in seine Veranstaltung aufnimmt.

fifty2go: Wie ernst nehmen denn Gasthörer ihr Studium?

Wagner: Das ist unterschiedlich. Gasthörer haben einfach den persönlichen Vorteil, nicht unbedingt ein formales Studien-Ziel erreichen zu müssen. Sie können selbst entscheiden, was sie aus einem Seminar, einer Vorlesung mitnehmen möchten. Im Normalfall kommen sie aus einem bildungsaffinen Umfeld. Sie gehen zum Beispiel auch gern ins Theater oder sind in anderen kulturellen Gruppen aktiv. An der Uni finden sie die Möglichkeit, sich mit Themen auseinanderzusetzen, die ihnen schon lange am Herzen lagen. Und sie entdecken neue Fragestellungen. Es gibt bei den Gasthörern auch Interessierte, die möglichst intensiv studieren möchten, aber die meisten möchten doch lieber möglichst frei bleiben. Ich spreche oft von ‚Bildungsflaneuren’, ohne das böse zu meinen. Im Gegenteil, ich hege Sympathie für sie. Auf der anderen Seite fehlt mir aber auch die Vertiefung von Themen. Wir Lehrenden möchten nicht nur an der Oberfläche bleiben, sondern wo immer sinnvoll möglich auch wissenschaftlich arbeiten und forschen. Dafür bleibt seit Bologna eigentlich immer weniger Zeit und Raum.

fifty2go: Wo spielt da der demographische Wandel hinein?

Wagner: Die Altersforscherin und ehemalige Bundesfamilienministerin Professor Ursula Lehr ist der Ansicht, dass die Hochschulen nicht mehr an der Wucht des Alters vorbeikommen, die durch den demographischen Trend ausgelöst wird.
Das halte ich für einen schwerwiegenden Irrtum. Die Mitlernmöglichkeit wird sich sicher unter diesem Druck steigern. Dem stimme ich zu. Aber es wird nicht dazu führen, dass der Trend zur Senioren-Uni geht. Das ist zum einen völlig unrealistisch und würde zugleich den Charakter einer wissenschaftlichen Einrichtung komplett verändern. Es muss ein ausgeglichenes Verhältnis herrschen. Wir sind heute gefordert, darüber nachzudenken, wie sich die Zukunft älterer Studierender an unseren Hochschulen gestalten soll.

fifty2go: Haben Sie dazu konkrete Vorstellungen?

Wagner: Ja, einerseits möchte ich gern das Flanier-Bedürfnis erfüllen, auf der anderen Seite möchte ich die Gasthörer auch zum Erforschen, Reflektieren und konkreten Auseinandersetzen bringen. Ich setze da nicht auf kanonisiertes Wissen, sondern auf eine alternative Wahrnehmung des Zusammenlebens und der gesellschaftlichen Auseinandersetzung.
Die jungen Studierenden heute wissen oft sehr viel weniger, was sie wollen, als wir früher. Sie suchen ihre Chance im Wandel der Zeit und der Welt. Das Studium hat für sie einen vollen Stundenplan, der abgearbeitet werden muss. Lernen ist vielleicht manchmal lästig, aber doch auch notwendig, um ein einigermaßen gutes Leben hinzubekommen. Da würde ich gerne ansetzen und Alt und Jung zusammenbringen, um ein gegenseitiges Verständnis und voneinander Lernen und Reflektieren zu fördern. Ich fände es sehr lohnenswert, bewahrend und achtsam diese Änderungen zu erforschen und damit in einer anderen Form das Wissen und die Erfahrung nutzbar zu machen.
Einen ersten Ansatz hierzu haben wir gestartet, indem wir drei Jahre lang aufwändig empirisch ermittelt haben, was junge Studenten mit ihrer Zeit anfangen. Im Ergebnis haben wir keine generelle Überlastung, wohl aber eine grundlegende Verunsicherung feststellen können, die aber nicht immer präzise artikuliert werden kann. Hier müssen wir weiter arbeiten und das mit den Erfahrungen Älterer verknüpfen.

Ruth Hoffmann (Interview)

Illustration ‚Einstein‘: © s.gatterwe – Fotolia
Photos: © repor-tal

Informationen: www.uni-hildesheim.de

*Die Universität Hildesheim geht zurück auf die pädagogische Hochschule Alfeld, die 1946 entstand. Am 1. Januar 2003 wurde Hildesheim eine der ersten Hochschulen in Deutschland, die nicht vom Staat, sondern von einer Stiftung getragen werden.

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