Leben mit dem
inneren Lärm

Ein chronischer Tinnitus ist wahrscheinlich weiter verbreitet, als die offiziellen Zahlen sagen. Das erklärte der Geschäftsführer der Deutschen Tinnitus-Liga, Michael Bergmann, in fifty2go. Doch was heißt ‚chronisch’ überhaupt beim Tinnitus. Müssen wir uns mit dem kleinen Mann im Ohr abfinden? Michael Bergmann gibt Betroffenen Hoffnung.

fifty2go: Ein Patient mit chronischem Tinnitus muss ja auf Dauer mit den Geräuschen leben. Wie geht das?

Michael Bergmann

Bergmann: Der Tinnitus kann auch nach fünf bis zehn Jahren wieder verschwinden. Das passiert bei etwas 15 Prozent der Betroffenen. Wenn keine objektive Ursache für den Tinnitus vorliegt, zielen die Therapien auf eine gedankliche Umlenkung ab. Der Betroffene arbeitet an seinem bewussten Hören. Zum Beispiel versucht er, im Wald die dort vorhandenen Geräusche bewusst wahrzunehmen. Der Tinnitus darf nicht als Feind betrachtet werden. Wer darunter leidet, muss lernen, ihn zu akzeptieren, auch wenn dies zunächst schwer klingt. Aber es gibt kein Medikament oder Hilfsmittel, das Erleichterung schafft.

fifty2go: Gibt es eine bestimmte Gruppe von Menschen, die unter Tinnitus leidet?

Bergmann: Generell sind die Betroffenen etwas älter. Aber mit dem allgemein zunehmenden Stress tritt er auch schon vermehrt bei Kindern und Jugendlichen auf. Er kann auch zu den Symptomen eines Burnout gehören.

fifty2go: Ist Tinnitus denn selbst eine Erkrankung oder ein Symptom?

Bergmann: In der Anfangsphase ist es eigentlich immer ein Symptom. Es ist ein Hinweis das irgendetwas mit uns nicht stimmt. Das sollte aber bitte nicht zur Unsicherheit führen. Die liegt meistens in unzureichender Information. Und es gibt auch tatsächlich noch die Fehlinformation, dass man nichts machen könne. Das stimmt so nicht. Gerade in der Anfangsphase kann ein gezielte Therapie einen starken Tinnitus vermeiden.

fifty2go: Dann gibt es unterschiedliche Tinnitus-Stärken?

Wie laut wird es?

Bergmann: Ja, wir unterscheiden in vier Schweregrade. Die Stufe I ist vernachlässigbar. Es gibt keinen Leidensdruck. Wenn der Tinnitus aber hauptsächlich in der Stille vorkommt und störend bei Stress und Belastung auftritt, sprechen wir schon von der Stufe II. Hat der Patient schon Störungen im emotionalen, kognitiven und körperlichen Bereich, führt das oft zu Beeinträchtigungen im privaten und beruflichen Rahmen. Dann ist die Stufe III erreicht. Im Grad IV führt der Tinnitus zur völligen privaten und beruflichen Dekompensation bis hin zur Berufsunfähigkeit.

fifty2go: Bedeutet die Stufe IV das Aus?

Bergmann: Keinesfalls. Chronisch wird oft gleichgesetzt mit ‚es ist nichts mehr zu machen’. Das stimmt beim Tinnitus ganz und gar nicht. Es bedeutet zwar, dass die Behandlung bis zur eventuellen Heilung schwieriger geworden, aber nicht, dass sie unmöglich ist. Es gibt viele Möglichkeiten einen extrem belastenden Tinnitus in einen erträglichen umzuändern.

Interview: Ruth Hoffmann

Photo (Bergmann): © DTL

Die Deutsche Tinnitus-Liga bietet ein Beratungstelefon und ein Beratungsbüro in Berlin an. Wer Mitglied ist, kann auch die Arztsprechstunde bei medizinischen Fragen oder die Anwaltssprechstunde für eine allgemeine Rechtsberatung aufsuchen. In der Psychologensprechstunde werden außerdem Informationen über Formen der Psychotherapie gegeben.

Auch einen umfangreichen Fragebogen können Interessierte bei der DTL abrufen. Er wird individuell ausgewertet. Für Mitglieder der DTL ist er kostenlos, Nichtmitglieder zahlen 25 Euro.

Die DTL vermittelt Interessierte auch an Selbsthilfegruppen.

Auch in Österreich und der Schweiz gibt es Tinnitus-Verbände.

Informationen: www.tinnitus-liga.de; www.oetl.at; www.tinnitus-liga.ch

Adresse D: Deutsche Tinnitus-Liga e.V., Am Lohsiepen 18, 42369 Wuppertal
Telefon: 0202 / 24 65 20
Beratungstelefon: 0202 / 24 65 20, montags, mittwochs, donnerstags 10 bis 12 Uhr, dienstags 16 bis 18 Uhr
Arztsprechstunde für Mitglieder: mittwochs 18 bis 21 Uhr
Anwaltssprechstunde für Mitglieder: 1. Dienstag monatlich 16 bis 19 Uhr
Psychologensprechstunde für Mitglieder: 1. Donnerstag monatlich 18 bis 20 Uhr
Adresse Beratungsbüro DTL Berlin (ehrenamtlich): Neue Grünstraße 38, 10179 Berlin
Telefon: 030 / 688 11-277
Sprechzeiten: dienstags und donnerstags 11 bis 15 Uhr, mittwochs 11 bis 18 Uhr
Mitgliedsbeitrag: 50 Euro jährlich

Adresse A: Österreichische Tinnitus-Liga, Postfach 9, 8052 Graz
Telefon: 0316 / 28 91 30
Mitgliedsbeitrag: 30 Euro jährlich

Adresse CH: Schweizerische Tinnitus-Liga, Ziegelgut 18, 7206 Igis
Telefon: 0081 /330 85 51
Mitgliedsbeitrag: 80 Schweizer Franken jährlich

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