Comeback eines Urahnen

Neanderthal von Jens Lubbadeh

Der Fundort seines Schädels hat ihm den Namen gegeben und zugleich den seines Mythos: Neanderthal. Inzwischen steht die Forschung am Genom des Menschen auf dem Punkt, dass die Spezies Homo sapiens neanderthalensis nicht etwa – wie zuvor vermutet – von seinem moderneren Konkurrenten verdrängt und ausgerottet wurde, sondern dass sich die beiden Menschen-Arten vermischt haben könnten.

Der Gen-Fundus des Neanderthalers steckt also in uns allen. Genforschung,-manipulation und Klonen sind immer wieder Themen, die heiß debattiert werden. Die Überwachung des persönlichen Gesundheitsstatus ist schon im Gange, nur dass wir noch keine Chips hierzu implantiert bekommen, sondern vorerst nur ‚Smartwatches‘ tragen. Selbstfahrende Autos sind in der Testphase. Und Eltern kümmern sich schon um die Karriere ihres Nachwuchses, wenn der noch im Mutterleib steckt.

Was aber wäre, wenn die Genmanipulation den Neanderthaler in unsere heutige Welt zurück holen würde? Was würde das bedeuten? Der Wissenschaftsjournalist Jens Lubbadeh hat diese Möglichkeit in einen Thriller gepackt: Neanderthal. Die Jagd ist eröffnet.

Lubbadeh hält das in der Mitte des 21. Jahrhunderts für denkbar. Erbkrankheiten sind so gut wie ausgerottet, auch Infektionen dank konsequenter Eliminierung von Keimen und Viren. Jeder Mensch steht unter Beobachtung und Kontrolle. In Deutschland achtet das Ministerium für Gesundheit und Glück auf uns alle. Wer sich nicht so verhält, wie es das staatliche Gesundheitsprogramm fordert, stellt sich außerhalb der Gemeinschaft, schadet ihr. Alle sind gesund, schlank, angeblich glücklich und – einheitlich.
In diese ‚heile Welt‘ hinein fällt plötzlich eine rätselhafte Leiche. Ist es ein  

Ein eigenwilliger Kommissar stellt unbequeme Fragen und zieht einen Wissenschaftler zu Rate. Der entdeckt in der Leiche eine hohe Konzentration von Neandertaler-Genen.

In den 526 Seiten dieses Thrillers – keine Sorge, er ist recht groß gedruckt – sind immer wieder kleine Kapitel eingefügt, die uns 10.000 Jahre zurück zu den Neandertalern führen. Damit will der Autor uns wohl erklären, wie es zu einer Vermischung des Homo sapiens und des Homo neanderthalensis kam. Ob der Autor, den der Verlag als Wissenschafts-Journalisten vorstellt, sich dabei eine Recherche stützt, bleibt allerdings unklar.

Lubbadeh bedient sich frei fremder Ideen, zum Beispiel bei Steven Spielbergs ‚Jurassic-Park‘. Oder: sein geklonter Neandertaler findet Asyl bei den Amish in den USA, welche die meisten von uns nur aus dem Film ‚Der einzige Zeuge‘ mit Harrison Ford kennen. Auch scheut er keine dramaturgischen Brüche. So geht beispielsweise sein Kommissar unterwegs irgendwie verloren und taucht nie wieder auf.

Und jeder, der schon mal das original Neandertal und die Fundstelle der berühmten Schädelkalotte in der Nähe von Düsseldorf besucht hat, wird bei der Lektüre den Eindruck haben, dass der Autor nie dort gewesen ist. Denn die ursprüngliche Fundstätte in der ‚Feldhofer Grotte‘ wurde beim Kalkabbau schon vor langer Zeit zerstört, der gesamte Berg abgetragen. Vergraben oder verstecken kann man da nichts mehr.

Fazit: Als leichte Lektüre für den Urlaub akzeptabel – danach lässt man es am besten im Hotel.

Text: Ruth Hoffmann

Cover mit freundlicher Genehmigung des Heyne-Verlages

Jens Lubbadeh: Neanderthal
Heyne 2017, Paperback, Klappenbroschur
€ 14,99 [D] | € 15,50 [A] | CHF 21,50
ISBN: 978-3-453-31825-0

 

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