Else-Preis an Safiye Can

Safiye Can © Wolfgang Schmidt
Safiye Can © Wolfgang Schmidt

Der Else Lasker-Schüler-Lyrikpreis 2016 geht an Safiye Can.Er ist mit 3.000 Euro dotiert und ist bislang nur zweimal vergeben worden. Seitdem fehlten der internationalen Lyrikgesellschaft die notwendigen Mittel für den Preis.

1994 ging der Else-Lasker-Schüler-Lyrikpreis an Thomas Kling und 1996 an Friederike Mayröcker. Diesmal hat die Else Lasker-Schüler-Gesellschaft sich bewusst für eine junge Poetin entschieden, die bereits zwei Lyrikbände veröffentlicht hat. Beide wurden von Publikum und Kritik begeistert aufgenommen.

Safiye Can kam 1977 als Kind tscherkessischer ‚Gastarbeiter‘ der Zweiten Generation aus der Türkei, in Offenbach am Main zur Welt. In der Familie wurde Tscherkessisch sowie Türkisch gesprochen. Wurzelnd einerseits in der Sprache und Kultur ihrer Eltern, anderseits aufwachsend in Offenbach, studierte Safiye Can dort Philosophie, Psychoanalyse und Rechtswissenschaft und schloss als Jahrgangsbeste ihr Studium ab. In ihrer Magisterarbeit setzte sie sich mit der Frage auseinander: ‚Wer ist Friedrich Nietzsches Zarathustra?‘ Ihre lyrische Bildsprache nutzt das Spannungsfeld zwischen orientalischer und okzidentaler Kultur – darin ähnelt sie der  jüdischen Dichterin Else Lasker-Schüler (‚Tino von Bagdad‘, ‚Jussuf Mohamed Hassan‘ etc). 

Zentrales Thema in der Lyrik Safiye Cans ist die irritierende, verunsichernde Liebe, wie beim titelgebenden Gedicht ihres zweiten Buchs: Diese Haltestelle habe ich mir gemacht, dessen Titel ein Verweis auf eine Übergangs- und Durchgangssituation ist. Diese ‚Haltestelle des Lebens‘ ist kein Ort, sondern ein Bewusstseinszustand. Anders, und doch ähnlich wie Else Lasker-Schüler mit ihren Nicht-Orten Theben oder dem Hebräerland, reflektiert und entlarvt das Lyrische Ich der Safiye Can abstrakte Begriffe des politischen Diskurses wie etwa ‚Integration – Exklusion – Genozid – Assimilation‘, die angeblich taugen, die eigene Existenz zu begreifen, aber letztlich zur Entfremdung der sie umgebenden Gesellschaft führen.

Dabei sind die Quellen, aus denen sich die Lyrik der Autorin speist, nicht zu übersehen – die Überlieferungen der orientalischen Literatur und ihrer Symbolik, etwa das ‚Rose und Nachtigall‘-Motiv in der tausendjährigen arabischen, persischen und türkischen Tradition, das ihrem ersten Gedichtband den Titel gab und der jetzt die 4. Auflage im Verlag Größenwahn, Frankfurt, erlebt.

Safiye Cans Gedichte sind in einem utopischen und zugleich genuin poetischen Sinne Zeitdokumente, Dokumente eines Wandels wie zu Zeiten Else Lasker-Schülers.

Text: Hajo Jahn

Photo mit freundlicher Genehmigung der Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft, ©

Informationen: www.else-lasker-schueler-gesellschaft.de

Safiye Can: Rose & Nachtigall. Liebesgedichte
Grössenwahn-Verlag, 2014
Hardcover, 126 Seiten, 16,90 Euro, ISBN 978-3-942223-64-5
ePub, 12,99 Euro, e-ISBN 978-3-942223-65-2

Safiye Can: Diese Haltestelle hab ich mir gemacht. Gedichte
Grössenwahn-Verlag, 2015
Hardcover, 120 Seiten, 16,90 Euro, ISBN 978-3-95771-049-9
ePub, 12,99 Euro, e-ISBN 978-3-95771-050-5

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